Am Volk vorbeipolitisiert

2004/03/03 - Berner Zeitung

Unweigerlich wird die Entkriminalisierung des Cannabiskonsums im Nationalrat für rauchende Köpfe sorgen. Nachdem die grosse Kammer das Thema jahrelang wie eine heisse Kartoffel vor sich hergeschoben und schliesslich fallen gelassen hat, hält der Ständerat nun vernünftigerweise an seinem Entscheid fest. Er zwingt den Nationalrat, sich nochmals mit dem Thema zu befassen.
Niemand bestreitet, dass die heutigen Gesetzesgrundlagen ungenügend sind. Trotz Verbot steigt der Cannabiskonsum seit Jahren signifikant. Und das vor allem bei jungen Leuten unter 18 Jahren. Um besonders die Jugendlichen zu schützen, wollen konservative Parlamentarier am bisherigen Grundsatz festhalten. Die Argumentation klingt absurd: Warum um jeden Preis an etwas festhalten, das sich nicht bewährt?
Diese Politiker merken nicht, dass sie Spiegelfechterei betreiben. Auch die Befürworter der Gesetzesrevision wissen, dass Cannabis nicht harmlos ist. Kiffende Lehrlinge, die mit durchgebrannten Sicherungen geistesabwesend im Unterricht sitzen, verpassen nicht nur eine Schulstunde. Sie berauben sich auch mancher Chance.
Diesen Jugendlichen ist eher geholfen mit guter Präventionsarbeit, kontrolliertem Handel, hohen Preisen und effizientem Kampf gegen Missbrauch. Trotz Verbot ist Cannabis in unserer Gesellschaft längst kein Tabu mehr. Nur scheinen das manche Politiker noch nicht bemerkt zu haben.

Bernhard Kislig