Amerikaner haben mehr Erfahrung mit Haschisch als Holländer

WHO-Daten aus 17 Staaten - Deutschland liegt bei Alkohol, Tabak, Cannabis und Kokain im oberen Drittel
Sydney - Die Niederlande: Das ist das Land, wo Cannabispflanzen blühen und "Coffeeshops" Marihuana und Haschisch feilbieten. Richtig ist: Die Niederlande haben eine liberale Drogengesetzgebung. Falsch ist: Die Niederlande sind das Land, in dem anteilsmäßig die meisten Menschen Cannabis konsumiert haben. Vielmehr liegt unser westliches Nachbarland in diesem Punkt deutlich abgeschlagen hinter den USA und Neuseeland.

16. Juli 2008

Von Wolfgang W. Merkel

Das ist ein Ergebnis einer in 17 Staaten durchgeführten Erhebung. Die Frage, die das Forscherteam insgesamt gut 54 000 Menschen stellte, lautete: "Haben Sie jemals die legalen und illegalen Drogen Alkohol, Tabak, Cannabis oder Kokain konsumiert?" Die Studie der Forscher um Louisa Degenhardt von der Universität Neusüdwales in Sydney basiert auf den Ergebnissen einer Erhebung der Weltgesundheitsorganisation zur geistig-seelischen Gesundheit. Neben westlichen Industrieländern sind auch afrikanische, asiatische und südamerikanische Schwellen- und Entwicklungsländer vertreten.

Die Wissenschaftler erkundeten nicht die Häufigkeit des aktuellen Drogenkonsums, sondern stellten die Frage nach der generellen Drogenerfahrung. Degenhardt und ihre Kollegen räumen deshalb im Fachmagazin "PLoS Medicine" ein, dass die Ergebnisse wenig über die Erfolge oder Misserfolge der Drogenpolitik aussagen, etwa in den USA mit strenger Drogengesetzgebung.

In den USA haben gut 42 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal zu Cannabisprodukten gegriffen, in Neuseeland knapp 42 Prozent. Die Niederlande liegen mit knapp 20 Prozent weit zurück, Deutschland belegt mit 17,5 Prozent nach Frankreich den fünften Platz. Bei Kokain liegen die USA ebenfalls an erster Stelle - mit einem "Riesenvorsprung": Etwa jeder Sechste hat Erfahrung mit Kokain. Wiederum belegt Neuseeland Platz zwei (4,3 Prozent), Deutschland Platz sechs (1,9 Prozent). Auch beim legalen Tabak sind die USA vorn, Deutschland auf Platz acht. Bei der Erfahrung mit Alkohol wird die Bundesrepublik (95,3 Prozent) nur von der Ukraine übertroffen.

Warum die USA so weit oben rangieren, begründet Jim Anthony von der Michigan State University, einer der Studienautoren, einerseits mit dem Wohlstand des Landes. Mithin seien die Mittel vorhanden, sich Genuss- und Suchtmittel zu kaufen. Es habe sich dort zudem die Meinung durchgesetzt, dass Cannabis nicht schädlicher sei als die legalen Drogen Tabak und Alkohol. Beim Kokainanteil spiele eine Rolle, dass die Droge durch die Nähe zu den Kokaproduzenten in Lateinamerika vergleichsweise leicht verfügbar sei.

Mit den Rängen zwei (Alkohol), acht (Tabak), fünf (Cannabis) und sechs (Kokain) liegt Deutschland im oberen Drittel; die wenigsten Kontakte zu Drogen haben - mangels Verfügbarkeit sowie aus wirtschaftlichen und kulturellen Gründen - Menschen in Afrika (Tabak und Alkohol) beziehungsweise in China (Cannabis und Kokain).

Auch sozioökonomische Faktoren haben die Forscher erkundet. So hatten durchweg mehr Männer als Frauen Erfahrung mit legalen und illegalen Drogen, ebenso mehr Wohlhabende als Prekäre. Außerdem hatten mehr Ledige und Geschiedene illegale Drogen genommen als Verheiratete. Jüngere Erwachsene waren allen vier Drogenformen eher zugetan als ältere. Bekanntschaft mit Tabak hatten mehr Geschiedene und Verwitwete als Unverheiratete.

Die Forscher wissen um die Grenzen ihrer Arbeit. So ist mit nur 17 Ländern kein flächendeckendes Bild entstanden. Dennoch: Zu erkunden, welche Menschen in welchen Kulturkreisen Erfahrung mit Drogen haben, sei wichtig für die Planung von Maßnahmen zur Drogenvorbeugung. Außerdem ist schwer abzuschätzen, wie viele Befragte, etwa aus kulturellen Gründen oder Angst vor Strafverfolgung, unrichtige Angaben machten. Ein Blick in das Zahlenwerk lässt da auch den einen oder anderen Zweifel aufkommen: Sollten tatsächlich nur 40 Prozent der Südafrikaner Alkohol getrunken haben, aber 57 Prozent der überwiegend muslimischen Nigerianer? Und 95 Prozent der Deutschen, aber nur 73 Prozent im Land von Chianti und Barolo?