Cannabis. Ziemlich vernebeltes Gesellschaftsproblem

2004/06/05 - Berner Zeitung

Was ist besser: Das Qualmen verbieten oder samt Kontrollmassnahmen erlauben? - von Jürg Steiner Vielen Jugendlichen fehlt das Risikobewusstsein, sagt Giuseppe Giunta - und denkt dabei an Cannabis. Giunta ist Schadenspezialist bei der "Winter-thur" im Bereich Personenversicherung.
Immer häufiger hat er mit Fällen zu tun, bei denen Cannabis im Spiel ist - Verkehrsdelikte oder auch Gewaltanwendungen mit schweren Folgen für die Geschädigten. Ohne weitere Gedanken sitzen junge Kiffer nach dem Ausgang sogar high ans Steuer eines Autos. Das kann schwerwiegende Folgen haben, wie ein Fall zeigt, den Giunta bearbeitet. Ein Automobilist fährt, nachdem er nach eigenen Angaben am Abend zuvor einen Joint geraucht hat, am folgenden Morgen eine Frau auf einem Fussgängerstreifen an und verletzt sie so, dass sie heute IV-Bezügerin ist. Die Kontrolle ergibt, dass seine Fahrtüchtigkeit trotz des lange zurückliegenden Cannabis-Konsums eingeschränkt war.
Verdrängte Folgekosten Die Öffentlichkeit interessiert sich in solchen Fällen meistens nur für die strafrechtliche Seite: die Busse oder kleine Gefängnisstrafe des fehlbaren Lenkers. Giunta verweist aber auf Folgen, die gerne vergessen werden - jedoch einschneidend sind und im Endeffekt die ganze Gesellschaft betreffen. Auf 3 Millionen Franken, hat der Experte kalkuliert, werden sich die Aufwendungen der Versicherung in diesem eigentlich nicht spektakulären Fall belaufen - beispielsweise für Leistungen der IV oder der Unfallversicherung. Für diese Kosten will die Versicherung nicht alleine aufkommen, wenn Verfehlungen wie Fahren in bekifftem Zustand vorliegen. Sie fordert deshalb vom Verursacher einen Teil zurück - im vorliegenden Fall können dies mehrere 100 000 Franken sein. Meistens haben junge Erwachsene allerdings nicht so viel Geld. Also nimmt die "Winterthur" die Mittel für ihre Leistungen an die Geschädigten aus dem Versicherungs-Topf, den alle Versicherungsnehmer äufnen. Mehr Fälle mit schweren Folgen bedeuten: höhere Prämien für alle. Der steigende Konsum von Cannabis - aber auch Alkohol - unter Jugendlichen trägt laut Giunta spürbar zur Zunahme schwerer Versicherungsfälle bei. Beispielsweise spielt Cannabis - wie Alkohol und Kokain - bei Gewaltdelikten fast immer eine Rolle. Nicht als Ursache, aber als Verstärker: Die sieben Jugend lichen, die vor rund einem Jahr in der Berner Postgasse einen 40-Jährigen brutal zusammenschlugen, schwer verletzten, sein Leben praktisch zerstörten und von der Allgemeinheit getragene Versicherungskosten in Millionenhöhe verursachten, waren - unter anderem - bekifft.

Entrückte Politik
Natürlich interessieren sich die Versicherungen vor allem aus ökonomischem Interesse für Cannabis. Der spezifische Versicherungsblick verdeutlicht aber, welche Dimensionen die Cannabis-Frage angenommen hat - und wie weit weg davon sich die politische Debatte bewegt. Seit Jahren lassen sich Politiker in schrillen und emotionalen verbalen Grabenkämpfen über Harmlosigkeit respektive Gefährlichkeit von Cannabis aus - obschon klar ist, dass kontrollierter, auch langjähriger Konsum höchstens bei gewissen Gruppen von Jungen, die sehr früh gewohnheitsmässig Cannabis rauchen, ein erhöhtes Gesundheitsrisiko bedeuten kann.

Trotzdem: Cannabis entspannt oder euphorisiert und benebelt: Es behindert die Koordination, die Konzentration und die Zeitwahrnehmung. Und es hat - obschon eigentlich verboten - in den letzten zehn Jahren eine Karriere von der gemütlichen, romantisch-rebellischen Feierabenddroge zum ganztägigen Jugendproblem gemacht. Dass sich 225’000 Schweizerinnen und Schweizer als Cannabis-Konsumenten bezeichnen und die Hälfte von ihnen mindestens einmal die Woche am Joint zieht, sagt darüber noch nicht viel aus.

Immer jüngere Kiffer
Wichtiger ist: Die jungen Kiffer werden immer mehr - und immer jünger. Der frühere Berner Stadtarzt Jean-Claude Vuille hat kürzlich in einer Studie über den Gesundheitszustand von Berner Schülerinnen und Schülern von einer dramatischen Zunahme des Cannabis-, aber auch des Alkoholkonsums gesprochen. Nach wie vor kiffen zwar drei Viertel der Jugendlichen nicht (siehe Grafik), und die Hälfte der Probier-Konsumenten hört wieder auf. Aber wer morgens im Vorortszug Raucherabteile passiert, marschiert durch dichte Cannabis-Schwaden. Lehrer schlagen Alarm. Jede dritte Oberstufen-Lehrkraft - so ergab eine Umfrage der schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenfragen (SFA) - war im Schuljahr 2002 mit bekifften Schülern konfrontiert. In den Klassen 5 bis 7 waren es schon fünf Prozent. "Die Schule ist keine Ausnüchterungszelle", empört sich der Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer angesichts der wachsenden Zahl benebelter und lernunfähiger Schüler, die sich mitunter selbst vor wichtigen Prüfungen einen Frühstücks-Joint genehmigen. Immer enthemmter Eine wichtige Rolle spielt dabei, dass die psychoaktive Substanz Tetrahydrocannabinol (THC) im heute in der Schweiz gehandelten Cannabis wegen Züchtungserfolgen in bis zu sechs Mal grösserer Konzentration vorhanden ist als vor wenigen Jahren (siehe Grafik). Die bis jetzt nicht untersuchte Wirkung des unter Jugendlichen beliebten Cocktails Cannabis-Alkohol könnte sich also verstärkt haben. Ein Indikator für die Bedeutung des Problems ist, dass die Angebote von Suchtberatungsstellen wie Contact Netz - der Berner Gruppe für Jugend-, Eltern- und Suchtarbeit - im Bereich Cannabis stark beansprucht werden.
Was tun? Befürworter der vom Bundesrat vorgeschlagenen Entkriminalisierung des Cannabis-Konsums bauen darauf, dass bessere Prävention und Früherfassung sowie ausgebauter Jugendschutz effizienter wirken als die heutige Kriminalisierung der Cannabis- Konsumenten. Allerdings: Schon heute bieten Behörden und Beratungsstellen zahlreiche Präventionsprogramme und meist gutes Informationsmaterial über Cannabis an. Warum sollen ausgerechnet noch mehr weiche Massnahmen nützen, wenn die harte Tour mit dem Verbot wirkungslos bleibt?

"Eines ist richtig", sagt Jakob Huber, Geschäftsleiter von Contact Netz: "Die meisten Jugendlichen sehen im Cannabiskonsum leider kein Problem". Hinzu komme, dass viele von ihnen über ein "übersteigertes Selbstbewusstsein" verfügten - und somit Risiken richtiggehend suchten. Dieser Mixtur sei mit Verboten auf keinen Fall bei zukommen - im Gegenteil. Deshalb, folgert Huber, werde eine Entkriminalisierung und Hanfregulierung die Effizienz von Präventionsmassnahmen steigern. Erwachsene könnten das Konsumverhalten glaubwürdiger und entkrampfter thematisieren, wenn kiffende Jugendliche nicht a priori Delinquenten seien: "Zentral ist, dass wir die Jugendlichen mit unseren Botschaften und Interventionen überhaupt erreichen".

Noch mehr Prävention?
Die Frage stellt sich, warum Prävention bei jugendlichen Kiffern auf einmal greifen soll, obschon sie bis jetzt ohne Wirkung war. Geht es den Fürsprechern der Prävention überhaupt um die Reduktion des Cannabis-Konsums? "Natürlich. So negativ darf man das Resultat der heutigen Prävention nicht sehen", antwortet Janine Messerli, Sprecherin der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und anderen Drogenprobleme (SFA) in Lausanne: "Man weiss ja nicht, was wäre, wenn wir gar keine Prävention betrieben hätten". Aber bedeutet denn mehr Prävention nicht einfach die Publikation weiterer gut gemeinter Broschüren? "Nein", sagt Messerli. Natürlich gehörten Information oder Beratungsangebote für Jugendliche mit Risikoverhalten zum Massnahmenset. Aber: "Prävention geht viel weiter". Sie bedeute zum Beispiel klare gesellschaftliche Regeln: Jugendliche müssen wissen, welche Regeln gelten und was passiert, wenn sie diese verletzen. Das sei heute, da der Konsum von Cannabis zwar verboten, aber trotzdem geduldet werde, nicht der Fall.
Mit der Revision des Betäubungsmittelgesetzes würden die Kantone explizit den Auftrag erhalten, den Jugendschutz zur beachten und sich um gefährdete Jugendliche zu kümmern. Anbau, Handel und Verkauf würden klar geregelt und kontrolliert. Personen, die Cannabis an unter 16-Jährige abgeben, mit Gefängnis und Busse bestraft. Wirkungsloses Schutzalter Der Blick auf die Entwicklung des Alkoholkonsums bei Jugendlichen zeigt indessen, dass Jugendschutz ein schönes Wort mit stumpfer Wirkung ist: Trotz Schutzalter 16 gibt es immer mehr Jugendliche, die mit 13 oder 14 Jahren ein Alkoholproblem haben. "Der Jugendschutz beim Alkohol wurde eben sträflich vernachlässigt", kontert Stephan Schüepp, Mitarbeiter der Fachstelle Prävention der Gemeinde Köniz - und macht damit klar, dass Jugendschutz eigentlich nicht eine Frage der Jugend, sondern der Erwachsenen ist: "Man kann nicht Jugendschutz postulieren und gleichzeitig dulden, dass Restaurants oder Festveranstalter Alkoholika an Jugendliche abgeben. Oder sich über die Zunahme jugendlicher Raucher beklagen und Tabakwerbung tolerieren".
Auf Cannabis übertragen: Anbau und Handel müssten klar geregelt werden, Verkaufsstellen müssten sich an die Jugendschutzvorschriften halten und kontrolliert werden: Genau das Gegenteil dessen, was heute unter dem Regime des Verbots passiert. In der faktischen Illegalität sei Jugendschutz eine Worthülse.
Für Praktiker Schüepp illustriert das Beispiel Schule, wie umfassend er Prävention versteht: "Prävention heisst keineswegs nur warnen oder mit schlimmen Folgen drohen. Die Schaffung eines guten Klassen- und Schulhausklimas beispielsweise, in dem offene Auseinandersetzung und Debatten möglich sind, ist eine sehr wirkungsvolle Präventionsmassnahme".

Skeptische Lehrer
Beat W. Zemp, Präsident des Dachverbands schweizerischer Lehrerinnen und Lehrer, ist sich der zentralen Rolle der Schule in der Cannabis-Frage bewusst. Der Verband kann sich die Entkriminalisierung des Cannabiskonsums nur vorstellen, so Zemp, "wenn griffiger Jugendschutz und Ausbau der Prävention nicht leere Versprechungen bleiben". Das Dilemma liege auf der Hand: Man müsse Jungen etwas Schädliches verbieten, das Erwachsenen erlaubt sei.
Klar ist für Zemp deshalb, dass noch mehr Cannabis-Prävention nicht einfach mit einem Appell an den guten Willen der Lehrer zu haben sei: "Das wird etwas kosten. Aber die Mittel dürfen keinesfalls aus den ohnehin schon von Kürzungen bedrohten Bildungsbudgets beschafft werden". Sondern beispielsweise mit einer Lenkungsabgabe auf Cannabis - die nur mit einer Revision des Betäubungsmittelgesetzes möglich ist. Eine Entkriminalisierung des Cannabis- Konsums würde die Welt der Kiffer allerdings nicht rosarot färben. Probleme würden bleiben: "Die Jugendkultur mit ihren Konsumgewohnheiten richtet sich nicht nach gesetzlichen Regelungen", sagt Zemp nüchtern. Prävention und Jugendschutz würde die Beliebtheit von Cannabis unter Jungen wohl kaum beeinträchtigen.
Hingegen dürfte vielen Erwachsenen - namentlich Eltern - ihre Verantwortung bewusster werden: Es geht um ihre Kinder. Heute delegiert man das Problem gerne an Schule oder Polizei. Die Beratungsstelle Contact bietet - neben den Kursen für jugendliche Kiffer, in denen sie ihren Konsum überdenken und oft reduzieren - seit kurzem Kurse für Eltern von jungen Cannabis-Konsumenten an. Die Nachfrage sei gross, sagt Contact-Leiter Jakob Huber. Eltern seien in der individualisierten Welt mit einem Problem heute schnell allein. Für Huber sind die Cannabis-Rauchzeichen eine Aufforderung, mit der Revision des Betäubungsmittelgesetzes endlich die Voraussetzungen für eine glaubwürdige Auseinandersetzung zu schaffen.

Der Autor: Jürg Steiner (juerg.steiner chez bernerzeitung.ch) ist "Zeitpunkt"-Redaktor. Infos im Internet: www.sfa-ispa.ch und www.contact-bern.ch.