«Das Geschäft läuft prächtig»
www.tagblatt.ch St. Galler Tagblatt Philippe Erath Ausgabe vom Samstag, 04. Juni 2005
Vorbei mit dem Hanfshop-Paradies St. Gallen: Nach dem Nein des Nationalrats zur Cannabis-Legalisierung hat die St. Galler Justiz die Hanfläden nicht mehr gewähren lassen. Seither wurden verschiedene Läden geschlossen, Betreiber in Untersuchungshaft genommen. Gemäss der St. Galler Staatsanwaltschaft laufen zurzeit Verfahren. Aktuell im Visier der Ermittler ist der Hanfshop Flashbox an der Augustinergasse. Dieser war in den letzten Tagen geschlossen. Jetzt ist er wieder offen. «Wir verkaufen kein Gras», verteidigt sich der Verkäufer am Mittwoch.
Der Kampf der Justiz gegen die Hanfshops hat den Gassenhandel nicht beeinträchtigt. Nebenberufliche Dealer und Anbauer, so genannte «Grower», können sich über mangelnde Nachfrage nicht beklagen. Im Gegenteil: «Die Nachfrage nach Gras kann in St. Gallen nicht mehr gedeckt werden», berichten Dealer.
Vorarlberg-Export
M. raucht seit knapp zehn Jahren Hanf, seit acht Jahren handelt er damit. Angefangen habe es, als «seine Quartierdealerin» ausgestiegen sei. So kam er mit ihrem Grosshändler in Kontakt. Ab sofort kaufte M.auch noch für seine Freunde ein. Bis zum Ende seiner Lehrzeit lief der Handel nebenbei. Die monatlichen 200 Franken Gewinn waren ein willkommener Zustupf. Vor zwei Jahren hängte M. seinen Job an den Nagel, professionalisierte sein Geschäft und begann, selber Hanf in einer Scheune anzubauen. Die Hanfshops haben sein Geschäft nie wirklich gestört. Als Gassenhändler profitiert er von der jetzigen Situation. Rund 20 000 Franken konnte sich M. in den zwei letzten Jahren auf die Seite legen - steuerfrei. «Wenn man mal weiss, wie man Hanf kultiviert, ist der Anbau eine Goldgrube.» Mit seinem grossen Bekanntennetz bringe er seine Ware ohne Probleme los. Die Hälfte exportiere er nach Vorarlberg ... «Grower» wie M. gebe es viele im Kanton St. Gallen. «Ich kenne etliche, die professionell Hanf anbauen», sagt M.
Der Grosshändler
Als «Grower» beliefert er Grosshändler wie L. Das Geschäft läuft: Im Monat setzt dieser mehrere 10 000 Franken um. Auch er ist auf die gleiche Weise ins Hanfgeschäft gekommen wie M. Selber anbauen wolle er aber nicht, das Risiko sei ihm zu gross. L. verkauft das Gras in Kiloportionen weiter an Kleindealer, die die Ware an den Mann bringen. Ein solcher Kleindealer ist P., ein langjähriger Kunde von L. Seit ein paar Jahren verkauft P. an seinen Bekanntenkreis Gras. Umschlagsplatz ist seine Ein-Zimmer-Wohnung in der St. Galler Innenstadt, er lagert den Vorrat in einem alten Koffer. Im Vergleich zu L. sind die Umsätze bei P. bescheiden. Der Gewinn beläuft sich auf 1000 Franken im Monat. Als in Ausbildung Stehender könne er dieses Geld gut gebrauchen, zudem sei der eigene Graskonsum so gratis. Für ihn sei der Hanfhandel eine Nebenbeschäftigung, die weitaus angenehmer sei als die üblichen Nebenjobs.
Gassendealer gegen Hanfläden
Dass es die Hanfshops nicht mehr gibt, ist den Händlern «im Untergrund» recht. Schliesslich sind diese Konkurrenz. Im Gespräch versucht M. auch gleich noch Werbung in eigener Sache zu machen und schwärzt die Hanfläden an. Das Gras sei von schlechter Qualität und zu teuer. 15 Franken habe man im Shop für ein Gramm Tessiner Freiland-Ware bezahlt, angepriesen wurde es als hochqualitatives Indoor. Bei M. sei das Gras besser und billiger. Er verkaufe seine «gute Indoorqualität» für sieben Franken das Gramm weiter, der Kiffer, die Kifferin zahle nie mehr als zehn. Die Hanfladen-Betreiber seien Abzocker mit missionarischem Hintergrund, «die ihre Riesengewinne in den Kampf für die Hanflegalisierung investieren». Er selber kämpfe nicht für die Hanflegalisierung, sagt M. «Legal, illegal - das ist mir egal, das Geschäft läuft so oder so prächtig.»
Keine Angst
Kontakt mit der Polizei habe bis jetzt keiner gehabt, sagten die Dealer im Interview. Man habe eigentlich keine Angst, ins Visier der Ermittler zu geraten. Einzig der hohe Stromverbrauch seiner Hanf-Lampen gebe ihm ab und zu zu denken, sagt «Grower» M. «Wer braucht sonst schon so viel Strom?» (Anm. der Red: In Arbon wurde ein Anbauer wegen des hohen Stromverbrauchs von der Polizei überführt.) Unter den Hanfhändlern herrsche ein gutes Klima und kein Konkurrenzkampf. Da verpfeife keiner den anderen, sagen sie alle. Zudem würden sie nur mit vertrauenswürdigen Personen handeln. Da lasse man lieber mal einen Deal platzen, «dafür ist man auf der sicheren Seite».