Die Chemie stimmt

2004/03/13 - Der Bund

Brisantes Thema, glänzende Besetzung: der Fernsehfilm "Lücken im Gesetz"

Martin Rapold als Hanfbauer und die junge Bernerin Doro Müggler als Anwältin bilden ein überzeugendes Paar im Fernsehfilm "Lücken im Gesetz" von Christof Schertenleib, der morgen auf SF1 ausgestrahlt wird.

Dichtung und Wahrheit liegen in Christof Schertenleibs "Lücken im Gesetz" nahe beieinander. Der Fernsehfilm des Berner Autors und Regisseurs ("Liebe Lügen", "Grosse Gefühle") basiert auf dem Fall des Litzistorfer Hanfbauern Armin Käser. Die Causa Käser war zugleich ein zentrales Element im Freiburger Justizskandal, der in den Neunzigerjahren den Kanton erschütterte. Die Dominanz einer Partei, so bilanzierte der Strafrechtsprofessor Franz Riklin, hatte in Freiburg ein Machtkartell etabliert, das bürgerliche Grundrechte und die Gewaltenteilung missachtete.

Opfer unrechtmässiger Absprachen zwischen Justiz und Polizei wurde auch der Hanfbauer Armin Käser. Am 5. Juni 1997 beschlagnahmte die Freiburger Polizei bei einer unrechtmässigen Razzia, wie das Bundesgericht später feststellte, rund 600 Kilogramm Hanfprodukte. Mit dieser Aktion, die auch am Anfang des Films steht, begann Käsers langjähriger Kampf gegen die Freiburger Justiz. Die komplexen Aspekte des Justizskandals und die noch immer aktuelle Hanfproblematik hat Schertenleib geschickt mit der fiktiven Geschichte einer Anwältin verbunden, die sich für den Hanfbauern engagiert und damit in Konflikt mit dem Freiburger Establishment gerät.

In schönstem Berndeutsch
Armin Käser heisst im Film Michael Krattiger, gespielt wird er vom Schaffhauser Martin Rapold. Kein "Hanf-Guru" sei für ihn dieser Michael Krattiger, sondern einer, der sich gegen die ganze Staatsmacht stellt wie Kleists Michael Kohlhaas, sagte Rapold bei den Dreharbeiten. Genauso wirkt er nun auch auf dem Bildschirm: Rapold, dessen Filmografie so unterschiedliche Produktionen wie die Militärklamotte "Achtung, fertig, Charlie!" und den filmischen Egotrip "L.A.X." umfasst, verleiht seiner Figur das unwiderstehliche Charisma eines kleinen Revoluzzers, der gerade durch seine Widersprüchlichkeit hoch sympathisch wirkt. Rapold ist in diesem Film das Inbild eines dickköpfigen Freiburger Bauern, eines Gewächs der heimischen Scholle, die er unkonventionell zum Hanfanbau nutzt. "Mich faszinieren Menschen, die sich wie dieser Krattiger festbeissen und dann nicht mehr loslassen", sagt er.
Viel zur Glaubwürdigkeit trägt sein kerniges Berndeutsch bei. Dass der Schaffhauser Rapold einer der besten Berner Schauspieler ist, entdeckte Schertenleib dank Luki Frieden. Er schnitt dessen Thuner Provinzstudie "November" mit Rapold in einer der Hauptrollen. Für diesen Part hatte das "Sprachtalent" (Schertenleib über Rapold) so gut Berndeutsch gelernt, dass man meint, er sei in dieser Sprache aufgewachsen.
Eine waschechte Bernerin, auch wenn sie 1973 in London geboren wurde, ist hingegen Doro Müggler, die den Part der Anwältin Lisa Zürcher spielt. Müggler gibt mit ihrer ersten Hauptrolle ein eindrückliches Debüt. Sie verleiht der jungen Anwältin, die sich für den Hanfbauern einsetzt und sich gleich mit ihrem ersten grossen Fall gegen den Freiburger Filz und damit auch gegen die Familie ihres Freundes stellt, viel idealistische Energie. Sie ist direkt, unbekümmert, forsch.

Erfolgreiche Gratwanderung
Doro Müggler hat in Bern zwei Jahre Jus studiert, machte dann eine Buchhändlerinnenlehre und absolvierte in Zürich die Schauspielschule. Die Figur der Lisa sei ihr von Anfang sehr nahe gewesen, sagt sie. "Eingenommen für sie hat mich vor allem, dass sie ihrem Gerechtigkeitssinn folgt, dass sie sich nicht vereinnahmen lässt und auch bereit ist, dafür ihren Preis zu zahlen". Wichtiger als die Hanfproblematik ist Doro Müggler ein anderer, universeller Aspekt des Films und ihrer Rolle: "Dass man sich selber bleiben will, gleichzeitig aber auch Teil der Gesellschaft sein möchte, ist die Gratwanderung, die wir alle kennen".

[i] ausstrahlung "Lücken im Gesetz" wird morgen Sonntag 14 03 04 um 20.30 Uhr auf SF1 ausgestrahlt.

Erfolgsstory
"Lücken im Gesetz" ist der erste Fernsehfilm von SF DRS des Jahres 2004. Erstmals werden heuer nicht nur fünf, sondern acht TV-Movies ausgestrahlt. Möglich wird dies, weil die SRG und der Bund die Beiträge an die erfolgreiche Reihe erhöht haben. Die 1999 als Ersatz für den Schweizer "Tatort" lancierten Fernsehfilme haben zu einer merklichen Belebung der Schweizer Filmproduktion beigetragen. Mit "Sternenberg" kommt Ende April erstmals ein Fernsehfilm auch ins Kino.

Thomas Allenbach