Ein jeder zieht sein Pflänzchen
Die Stadtpolizei: es finde auch heute Handel mit Cannabis auf der Münsterplattform, der Kleinen Schanze und vor der Reithalle statt; die Gefahr der Vermischung des Handels mit harten und weichen Drogen bestand laut Polizeiangaben bereits vor der Schliessung der Hanfläden.
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Der Bund, Evelyne Reber-Mayr [30.01.2006]->http://www.espace.ch/page_162.html]
Nach der Schliessung der Hanfläden in der Stadt Bern ist der Eigenanbau von berauschendem Cannabis aufgeblüht Da haben einige ihren grünen Daumen entdeckt: Seit es in Bern keine Hanfläden mehr gibt, die das berauschende Kraut verkaufen, behelfen sich viele Cannabisfreunde mit Eigenanbau. Die von der Berner Stadtregierung befürchtete Zunahme des Cannabis-Gassendeals blieb indes aus.
Im vergangenen Frühling schlug der Berner Gemeinderat Alarm: «Die Zeichen mehren sich, dass der Handel mit Cannabis und harten Drogen wieder vermehrt an den gleichen Örtlichkeiten stattfindet», sagte Gemeinderätin Edith Olibet (sp) vor versammelten Medienleuten. Diese Aussicht bereite ihr als städtische Sozialdirektorin Sorgen, weil Cannabiskonsumierende in der Folge «unnötig kriminalisiert» würden.
Schuld an der befürchteten Entwicklung war in den Augen der Stadtberner Exekutive der Nationalrat, der sich im Juni 2003 geweigert hatte, auf die Revision des Betäubungsmittelgesetzes einzutreten. «Die Folgen der Blockierung tragen die Städte», klagte Olibet daraufhin im April 2004. Mit der Betäubungsmittelgesetz-Revision hätte unter anderem der Hanfkonsum in der Schweiz entkriminalisiert werden sollen.
Bern ohne Hanfläden
Edith Olibets Befürchtungen sind allerdings nicht nur vor dem Hintergrund des nationalrätlichen Nichteintretensentscheids zu sehen, sondern ebenso im Zusammenhang mit dem verschärften Vorgehen gegen Hanfläden in den Jahren 2002 und 2003. In Bern fand in diesen Jahren eine eigentliche Flurbereinigung statt: Praktisch im Monatsrhythmus liess Regierungsstatthalter Alec von Graffenried in der Bundesstadt Hanfläden schliessen, in denen die so genannten Duftsäckli verkauft wurden - die rauschfähiges Hanfkraut mit einem Wert von über 0,3 Prozent THC (Tetrahydrocannabinol) enthielten. Mittlerweile gibt es laut Angaben der Polizei in der Stadt Bern offiziell keine Hanfläden mehr.
Gassendeal nahm noch nicht zu
Weniger gekifft wird allerdings nicht. Die Duftsäckli sollen heute unter anderem in Video- und Sexshops, in Plattenläden sowie in Geschäften für trendige Mode-Accessoires verkauft werden, wie Kenner der Szene wissen. Es sei nicht auszuschliessen, dass solche Verkäufe getätigt werden, lässt dazu das für Betäubungsmitteldelikte zuständige Dezernat 3 der Kriminalpolizei der Stadt Bern verlauten. Zurzeit seien den Dezernatsmitarbeitern jedoch keine entsprechenden Örtlichkeiten bekannt, es lägen auch keine Hinweise dazu vor.
Eine Zunahme des Handels auf der Gasse hat die Stadtpolizei nicht festgestellt. Wie bereits zu Zeiten, als es noch Hanfläden gegeben habe, finde auch heute Handel mit Cannabis auf der Münsterplattform, der Kleinen Schanze und vor der Reithalle statt. Die von Gemeinderätin Olibet erwähnte Gefahr der Vermischung des Handels mit harten und weichen Drogen bestand laut Polizeiangaben bereits vor der Schliessung der Hanfläden. Diese Vermischung habe seither nicht zugenommen, hält die Polizei fest. Die Sozialdirektorin nimmts erleichtert zur Kenntnis. Dass ihre Befürchtungen nicht wahr geworden seien, heisse aber nicht, dass sich die Stadt nicht mehr mit dem Thema befasse. «Zurzeit besteht kein Handlungsbedarf», so Olibet, «aber wir halten weiterhin ein Auge darauf.»
Mehr Indoor-Anlagen
Übereinstimmend berichten Szenekenner und Polizei, dass sich der Hanfhandel vermehrt in private Räume verlagert hat. Man besorge sich das berauschende Kraut von Kollegen, ist etwa zu hören. Laut Polizei hat auch der private Hanfanbau zugenommen: Es würden vermehrt Indoor-Anlagen sichergestellt, gibt das Dezernat 3 bekannt. Die Verfolgung des Hanfhandels gehöre jedoch wie früher zum normalen Tagesgeschäft, so die Polizei weiter. Abgesehen davon, dass weniger Geschäfte kontrolliert würden, habe sich in den letzten zwei Jahren nicht viel verändert.
Auch wenn sich der Cannabishandel nicht derart zum Negativen entwickelt hat, wie der Gemeinderat befürchtete, sind einige Fachleute nicht ganz unbekümmert. Fritz Brönnimann, Regionalleiter der Drogenfachstelle Contact-Netz, beklagt etwa, dass sich der Handel «atomisiert» habe. So sei es schwieriger, im Bereich Prävention etwas zu erreichen. Brönnimann verweist darauf, dass Contact-Netz unter anderem Weiterbildungsveranstaltungen für Verkaufspersonal in Hanfläden organisierte. Auch wurde mit den Geschäften ein «Ehrenkodex» abgemacht, gemäss dem keine Duftsäckli an minderjährige Kundschaft verkauft werden sollten. Michael Mosimann, Präsident der Berner Sektion der Schweizerischen Hanf-Koordination, räumt zwar ein, dass es nicht alle Läden sehr ernst genommen haben mit dem Jugendschutz. Dennoch ist er überzeugt, dass die Kooperation mit Contact-Netz etwas gebracht hat. Anderer Meinung ist jedoch in diesem Punkt die Polizei: «Der so genannte Ehrenkodex wurde auch zu Zeiten der Hanfläden nicht eingehalten.»