Facts-Magazin: Eine Tüte zum Frühstück

„Bekifft mit 12“ - unterschätztes Risiko, überforderte Eltern, doch Hanf-Lobby will Legalisierung

Zuerst ein Kommentar zur Titel-Story des Facts-Magazins

von Felix Kreit aus dem SHK Büro in Bern

Das neue Jahr beginnt ja prächtig: „Facts“ hat uns gleich die Titelseite gewidmet.

Die Hanf-Gegner machen schon wieder Druck bevor wir die Initiative abgeben konnten.

Aus meiner Sichtweise sehr störend:

Von unserem Jugendschutz-Bemühungen steht Nirgends etwas.

Kiffen denn nur Kinder und Minderjährige in der Schweiz !?

Was ist mit den mündigen BürgerInnen die alle ihren Verpflichtungen nachkommt?

Den gibt es nicht, so einen Eindruck könnte man gewinnen wenn man diesen Bericht gelesen hat.

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Facts; 05.01.2006

Sie beginnen mit zwölf und kommen kaum mehr davon los: Noch nie rauchten so viele Jungen und Mädchen Hanf. Jeder dritte jugendliche Kiffer ist ein «Problemfall». Experten schlagen Alarm, doch die Hanf-Lobby will weiterhin die Legalisierung.

Von Herbert Lanz

Sie nennen das Zimmer den Bastelraum. Jeden Abend treffen sich hier Mädchen und Jungen - aber sie basteln nur eines: Joints. Flink drehen sich die Kids ihre Tüten, dann machen die Haschjoints die Runde. Andi*, 18, nimmt einen Zug, zieht den Rauch tief in die Lunge; er ist süchtig nach diesem Gefühl aus der Glückstüte: «Alles ist leichter, ganz friedlich.» Andi ist in seiner Wattewelt.

Diesen Abend hängen im Kifferstübli ausserhalb von Thun acht Jugendliche in alten Sofas und Sesseln. Die meisten sind jünger als 18. Sie quatschen, sie albern, sie spielen auf dem Nintendo-Player ein James-Bond-Game. Auf dem Tisch in der Mitte des Raums leere Bierflaschen vom Vorabend; am Boden ein randvoller Aschenbecher, Zigarettenpapier. Noch einmal zieht Andi am Joint, dann reicht er ihn weiter. Andi weiss, dass er mit dem Feuer spielt. Der Ver- käuferlehrling hat von seinem Chef einen schriftlichen Verweis erhalten - weil er am Morgen immer verpennt. «Das nächste Mal fliege ich.»

Wenn Andis Mutter Aline*, 52, über das Marathonkiffen ihres Sohnes und den Hascherbastelraum nachdenkt - und das tut sie oft -, kommt in ihr eine grosse Wut hoch: «Am liebsten würde ich die Bude in die Luft jagen.» Sie liebt ihren Sohn, sie hat ihn «verdammt gern». Und sie hat Angst um Andi. Angst um seine Lehre, seine Gesundheit, Angst um seine Zukunft. Andi kifft seit Jahren. Seinen ersten Joint rauchte er als Sechstklässler. Da war Andi zwölf.

Elfjährige Kiffer sind keine Seltenheit

Kiffende Kinder, benebelte Kids: Eine aktuelle, bislang in der Öffentlichkeit nicht thematisierte Studie des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zeigt, dass Cannabiskarrieren immer früher beginnen. Das durchschnittliche Einstiegsalter liegt bei den Jugendlichen heute bereits bei 14,5 Jahren; 1995 lag es noch bei 16,5 Jahren. Kiffer, die ihren ersten Joint als elf- oder zwölfjährige Schüler reinziehen, sind in der Schweiz keine Seltenheit. Das BAG schlägt Alarm: «Eine deutlich wahrnehmbare Gruppe der Konsumierenden erfährt Probleme durch ihren Konsum.»

Die Cannabisstudie des BAG analysierte erstmals umfassend die Thematik des Risikokonsums für die Schweiz. Die Detail-ergebnisse sprechen für sich: Von den 5000 befragten Jugendlichen zwischen 13 und 29 Jahren hat fast die Hälfte die Droge schon versucht, 13,2 Prozent der untersuchten Altersgruppe kiffen regelmässig. Ihnen wurden Fragen gestellt wie: Rauchen Sie Cannabis schon am Morgen? Wie viel konsumieren Sie? Haben Sie Mühe, Ihre sozialen Anforderungen zu erfüllen? Haben Sie Konzentrationsprobleme, Angst vor Kontrollverlust? Fazit des Screenings: Rund ein Drittel - insgesamt fünf Prozent der 13- bis 29-Jährigen - bejahten viele der Fragen. Sie deklarierten sich also selbst als Problem- und Risikokonsumenten.

Anders ausgedrückt: Man muss davon ausgehen, dass in einem durchschnitt- lichen Schülerjahrgang von 80 000 Mäd-chen und Jungen fünf Prozent, also 4000 Jugendliche, chronische Kiffer sind. Das heisst: Bei einer Klassengrösse von 20 Schülern beenden jedes Jahr 200 voll bekiffte Klassen mit 16 Jahren ihre Schulzeit.

«Das Resultat ist schockierend und überraschend», sagt Gerhard Gmel, Forschungsleiter der Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme SFA in Lau-sanne. Schockierend und überraschend deshalb, weil sich die Jugendlichen in solchen Befragungen selbst outen müssen. Gmel fürchtet, dass dies längst nicht alle Kids tun und der Konsum auf Grund euro-päischer Vergleichsstudien gar doppelt so hoch ist wie in der BAG-Studie ausgewiesen.

Spätestens in der nächsten Woche muss auch die Politik die neuen Einschätzungen zur Kenntnis nehmen. Am 13. Januar will das Komitee «Pro Jugendschutz gegen Drogenkriminalität» die Initiative «Für eine vernünftige Hanfpolitik mit wirksamem Jugendschutz» einreichen. «Wir haben bereits 105 000 Unterschriften», sagt Geri Müller, grüner Nationalrat und Ko-Präsident der Hanfinitiative. Er rechnet mit weiteren 2000 Unterschriften in diesen Tagen, so dass die Initiative, die das Kiffen legalisieren will, wohl zu Stan-de kommt.

Gefährlich schien nur Heroin

Das Initiativkomitee, dem auch FDP-Nationalrätin Christa Markwalder und SP-Vizepräsidentin Ursula Wyss angehören, wollte das Volksbegehren am 6. Dezember einreichen - musste den Termin jedoch verschieben. Müller behauptet, einzelne Gemeinden hätten sich für die Beglaubigung von ein paar Dutzend Unterschriften «sehr viel Zeit gelassen». Und die Hanffreunde seien beim Sammeln von Unterschriften sogar «behindert worden».

Unbestritten ist, dass der Mythos vom harmlosen Glückskraut zusehends verraucht. Noch im Jahr 2002 verglich die prominente grüne Nationalrätin Pia Hollenstein die Gefährlichkeit von Cannabis mit derjenigen von Schokolade. Aus der Sicht der neuen wissenschaftlichen Daten scheint das absurd - allerdings ist Hollensteins Bemerkung typisch für die Wahrnehmung des ursprünglich aus Indien stammenden Krauts Cannabis sativa. Die grosse Gefahr hiess immer Heroin, Kokain oder Ecstasy. Aber Hasch? Martin Neuenschwander vom Zürcher Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung ISGF sagt: «Cannabis hat im Vergleich zu anderen Drogen lange Zeit eine erstaunlich unhinterfragte Toleranz genossen.»

Resultat: In der Disziplin Cannabiskonsum nimmt die Schweiz im internationalen Vergleich eine Spitzenposition ein. Kaum eine Nation, die sich häufiger mit Hanf benebelt. Obwohl der Nationalrat im Juni 2004 nicht auf die Revision des Betäubungsmittelgesetzes einging und der Konsum immer noch strafbar ist. Die Kiffer kiffen mehr denn je - derweil die Politik wegschaut und die Dealer sich die Hände reiben. Fachleute schätzen, dass in der Schweiz mit Cannabis heute so viel Geld umgesetzt wird wie mit Heroin und Kokain zusammen: 1 Milliarde Franken pro Jahr.

Die Polizei scheint machtlos. «Die Liberalisierungsdebatte erschwerte unsere Arbeit, weil das Unrechtsbewusstsein sank», sagt Hans-Rudolf Speck, 51, Chef Sonderkommission Rauschgift bei der Stadtpolizei Zürich. Eine Legalisierung bringe aber nichts, sagt Speck, «da der Dealer dann weiter Richtung Schulhaus geht». Der Zürcher Drogenfahnder spricht von einer «Perspektivlosigkeit» der kiffenden Jugendlichen, von einem «gesteigerten Konsumverhalten, das nahtlos ins Suchtverhalten übergeht». Und auch davon: «Da kommt auch bei mir Hilflosigkeit auf.»

Auch vielen Eltern bleiben nur noch Selbstvorwürfe. Aline, deren Sohn Andi stets in den Thuner Bastelraum kiffen geht: «Anfänglich haben wir Andi erlaubt, Cannabis im Garten zu pflanzen.» Sie und ihr Mann dachten, ihren Sohn damit unter Kontrolle zu haben. Sie dachten liberal: «Auch wir mögen am Wochenende ein Glas Wein - also kann Andi am Wochen-ende mal ein Tütli rauchen. Ist ja nicht so schlimm.» Heute ist alles anders, heute sagt dieselbe Frau: «Es macht mich so was von aggressiv, wenn mein Sohn voll zugedröhnt nach Hause kommt. Und immer wieder verspricht er, weniger zu rauchen.» Aber Andi kann oder will dieses Versprechen nicht einlösen, 400 Franken Hasch und Gras verraucht er Monat für Monat.

«Je früher, umso riskanter»

Das sinkende Einstiegsalter ängstigt auch die Helfer an der Drogenfront: «Wer vor 16 kifft, der kifft in der allergefährlichsten Zeit», sagt Udo Kinzel, Beauftragter für Suchtprävention im Kanton Baselland. «Je früher, umso riskanter», bestätigt Dominik Kamber, Oberarzt bei der Drogenberatung Baselland.

Das Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung, das an der BAG-Studie beteiligt war, nennt nach Durchsicht der neus- ten internationalen Literatur die grössten Gefahren, die kiffenden Kindern drohen:

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Die Aussicht ist gering, dass sie später wieder aufhören können;

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vielmehr ist ein tiefes Einstiegsalter meistens mit einem erhöhten späteren Konsum verbunden,

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und ein früher, regelmässiger Konsum gefährdet die psychosoziale Reifung, die soziale Integration des Jugendlichen.

Selbst die Gehirnentwicklung von Junghaschern kann beeinträchtigt werden: «Die Befunde nehmen zu, dass früher Cannabiskonsum in der hirnphysiologisch sensiblen pubertären Phase zu möglicherweise irreversiblen kognitiven Langzeitfolgen führt», sagt Martin Neuenschwander vom ISGF. Er meint Störungen des Kurzzeitgedächtnisses, der Informationsverarbeitung und des Problemlösungsverhaltens.

Verschliessen die Legalisierungsbefürworter die Augen vor dem Risikokonsum bei Kindern? «Im Gegenteil», behauptet Nationalrat Geri Müller, «ich teile die Befürchtungen der Wissenschaft.» Aber nur mit Legalisierung des Konsums könne ein echter Jugendschutz verankert werden. Hanfläden müssten sich künftig an strikte Vorschriften halten. Die fromme Vorstellung der Initianten: Der Verkauf von Hanf an unter 16-Jährige soll durch ein Verbot verhindert werden. Hält sich ein Ladenbesitzer nicht daran, wird er bestraft, etwa mit einem Lizenzentzug.

«Zehn Joints am Tag, mindestens»

Francesca* ist eine schmale, feingliedrige 17-Jährige aus dem Oberaargau. Ihren ers-ten Joint paffte sie nach ihrem 13. Geburtstag. Auch viele ihrer Freunde begannen in diesem Alter das süsse Kraut zu rauchen, die meisten hörten allerdings wieder auf. Nicht Francesca. Sie flog wegen ihrer notorischen Kifferei («zehn Joints pro Tag, mindestens») vom Gymnasium, von Jahr zu Jahr steigerte sie ihren Konsum. Heute macht Francesca keinen Hehl daraus, wem sie ihre «versaute Schulkarriere» zu verdanken hat: «Ich bin wegen des Kiffens vom Gymnasium geflogen.» Den ersten Joint «schraubte» sie während ihrer Mittelschulzeit schon vor der ersten Schullektion. Von morgens bis abends zugedröhnt, bekam sie vom Unterricht «rein nichts mit». Sie rauchte meist THC-potentes In-door-Gras, hochgezüchtetes Power-Kraut.

Und die Lehrer? Einmal wurde Frances-ca kiffend auf dem Pausenplatz von einer Lehrerin erwischt. Die Pädagogin wandte sich an den Klassenlehrer. «Aus Mitleid hat er wohl nie etwas meinen Eltern gesagt», meint Francesca. Der Vorfall ereignete sich kurz vor Weihnachten.

Junge Extrempaffer scheinen oft unreif, in ihrer Entwicklung verlangsamt und vom Alltag überfordert. «Viele leben in Fantasiewelten; der Realschüler etwa, der Pilot werden will. Andere Jugendliche sind zwar schulisch gut, emotional aber in ihrer Entwicklung stehen geblieben», sagt der Basler Oberarzt Kamber.

Mirjams* erster Gedanke am Morgen ist stets derselbe: «Zuerst einen Joint - dann einen Kaffee.» Die heute 21-jährige Kauffrau aus der Region Bern ist seit einem Jahr arbeitslos. Sie kifft sieben, acht Joints am Tag. Im Monat gibt sie etwa 250 Franken für Cannabisgras aus. Meist kauft sie es bei Kollegen, die es ihr billiger abgeben als die paar übrig gebliebenen Hanf- läden. Auch Mirjam begann mit 13 Hasch zu rauchen. Dabei sei sie eigentlich «enorm ehrgeizig», wolle etwas erreichen im Leben. Aber zurzeit tut sie nur das eine: kiffen. Manchmal leidet die Bernerin unter Angstzuständen, sie geht nicht mehr aus dem Haus, sie liegt daheim herum, fühlt sich leer, einsam. Die Gedanken sind schwarz, tiefschwarz: «Es ist, als würde ich mutterseelenallein auf einem See treiben, weit und breit ist kein Ufer zu sehen.» Und manchmal, sagt Mirjam, «weiss ich nicht mehr, wer ich bin.»

Ansturm auf Suchtberatungsstellen

Das Cannabis habe ihre Seele verändert, sagt Mirjam. «Ich denke oft, alles macht keinen Sinn, leckt mich alle.» Wie soll man in einer solchen Verfassung Entscheidungen treffen? «Seit einem Jahr bin ich am Überlegen und Überlegen, ob ich noch ein Studium oder noch eine Lehre machen will», sagt Mirjam. Aber sie hat noch ganz andere Probleme, etwa beim Einkaufen: «Ich stehe stundenlang vor einem Regal und weiss nicht, was ich kaufen will.»

Mehrmals versuchte Mirjam, ihre Sucht zu überwinden. Jeweils die ersten drei Nächte konnte sie nicht schlafen, sie war nassgeschwitzt, aggressiv. Sie war «extrem auf 180». Entzugssymptome.

Nicht nur die Wissenschaft, auch die Beratungsstellen schauten viel zu lange weg. Der Baselbieter Suchtexperte Kinzel berichtet von einer Mutter, die wegen ihres 14-jährigen kiffenden Sohnes zur Drogenberatung ging. Dort habe man abgewiegelt: «Seien Sie doch froh, dass sich Ihr Kind nicht Heroin spritzt.»

Ist Cannabis, die angeblich weiche Droge, in Tat und Wahrheit hartes Rauschgift? Martin Neuenschwander will «weder ideologisieren noch dramatisieren». Aber: «Wir dürfen vor den Gefahren für die Jungen in der Pubertät und Adoleszenz nicht die Augen verschliessen.» Auch ihm ist, wie allen von FACTS angefragten Forschern, klar: «Nach aktuellem Forschungsstand kann davon ausgegangen werden, dass die Mehrzahl der Cannabiskonsumenten einen experimentellen oder eher gelegentlichen Konsum betreibt, ohne dass hierbei gesundheitsrelevante Probleme entstehen.»

Nur, es gibt eben auch die Extremkiffer. Und immer mehr von diesen Cannabisabhängigen suchen professionelle Hilfe. Das Bild der Drogenberatungsstelle, in die sich vor allem Heroinsüchtige oder Kokainabhängige flüchten, gehört der Vergangenheit an. Vor zehn Jahren machten die Cannabiskonsumenten bei den am- bulanten Suchtberatungsstellen in der Schweiz noch 4,5 Prozent der Klientel aus. 2001 waren es bereits 21,5 Prozent. Neuere Zahlen liegen in der Schweiz nicht vor, doch Deutschland rechnet damit, dass heute jeder zweite Klient von Suchtberatungs- institutionen ein Kiffer ist.

Bloss, es gibt heute noch kein wissenschaftlich fundiertes Behandlungskonzept für Cannabisabhängige. «Die Schweiz hat das Problem verschlafen, wie andere europäische Staaten auch», sagt Sucht- experte Udo Kinzel.

BAG sucht Hilfe in Deutschland

Erst vor kurzem, also sehr spät, handelte der Bund. Das BAG unterstützt zusammen mit dem deutschen Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung das grenzüberschreitende Pilotprojekt Realize it, das sich an über 15-jährige Haschpaffer richtet. Das Projekt, gestartet im September 2004, zielt auf eine «Kurzintervention bei Cannabismissbrauch und Cannabisabhängigkeit». Es dauert für die Teilnehmenden drei Monate und besteht aus fünf Einzel- und einem Gruppengespräch. Ziel von Realize it ist eine «signifikante Konsumveränderung». In der Schweiz nehmen drei Nordwestschweizer Beratungsstellen und drei Institutionen aus dem Kanton Bern daran teil.

Auch für Andi und Mirjam ist Realize it die letzte Hoffnung. «Ich brauche jetzt Hilfe. Ich schäme mich deswegen nicht», sagt Andi. Er will weniger kiffen, nur noch am Wochenende. «Werktags will ich bei der Arbeit zeigen, was ich draufhabe.» Andi sagt, und es klingt, als spreche er vor allem zu sich selbst: «Ich schaffe es.» Andi ist 1 Meter 98 gross, 109 Kilogramm schwer, letztes Jahr hatte er ein Angebot, in einem Nationalliga-B-Basketballklub zu spielen. Er lehnte ab: «Hätte ich bei einer Dopingkontrolle schiffen müssen, hätte ich die ganze Mannschaft verarscht.» Eine positive Urinprobe führe zur Spielsperre und zu einer Busse für die Mannschaft.

Mirjam hat kürzlich das Realize-it-Programm begonnen. In der Berner Suchtberatungsstelle Contact, wo 50 Prozent der jährlich 520 Ratsuchenden wegen Cannabisproblemen kommen. «Vor einem Monat bin ich einmal aufgewacht, und mein ers-ter Gedanke war: Jetzt reichts!» Sie hatte in einem lichten Moment plötzlich genug vom «Dauerflash», genug vom «Dauerberuhigungsmittel Cannabis».

«Was soll ich machen ausser kiffen?»

Kiffen als Beruhigungsmittel, Kiffen als Selbstmedikation - eine bekannte Hypothese in der Cannabisforschung. Mirjam sagt von sich: «Ich bin extrem unsicher.» Im Gespräch nimmt man sie zwar als kluge junge Frau wahr, aber jeden fünften Satz beendet sie mit: «Ich weiss, das tönt blöd.»

Für den Psychologen Gebhard Hüsler von der Universität Freiburg gilt es als gesichert, dass der lang andauernde, eher abhängig machende Risikokonsum nur über den Einbezug vieler Faktoren verstanden werden kann. «Ein früher Konsumstart wird durch soziale Beeinträchtigungen und psychische Beeinträchtigungen begünstigt.» Soziale und schulische Handicaps haben oft Kinder und Jugendliche, deren Eltern getrennt leben, die oft den Wohnort und damit das Umfeld wechseln mussten, die Klassen wiederholten, in Heime eingewiesen wurden, die eine Lehre abbrechen mussten. «Kinder mit schlechter sozialer Ausgangslage und psychischen Problemen konsumieren häufiger und mehr Haschisch», sagt Hüsler.

Hardcorekiffer, die nicht dem gelegentlichen Genussrauchen unter Freunden frönen, sondern um die Uhr zugedröhnt der realen Welt entfliehen wollen, sind auch Ausdruck der schwierigen wirtschaftlichen Lage, in der sich viele Heranwachsende heute befinden. «Wenn junge Menschen zu uns kommen, haben die neben dem Kiffen noch eine Vielzahl anderer Probleme. Sie stecken in einer Krise, sie haben keine Perspektive», sagt Oberarzt Dominik Kamber. Viele fänden keine Lehrstelle. «Die sagen dann: Hey, was soll ich machen ausser kiffen? Ich hab sowieso keine Chance.»

Im Jahr 2004 gab es in der Schweiz 28 385 Verzeigungen wegen des Konsums von Marihuana. 4435 von der Polizei Er-wischte waren nicht älter als 17. Jeden Tag werden in der Schweiz durchschnittlich zwölf Minderjährige Cannabiskiffer dem Richter zugeführt.

Auch Francesca, die heute wie Andi und Mirjam beim Projekt Realize it in Behandlung ist, hatte eine Begegnung mit den Gesetzeshütern. Polizisten griffen die Hardcorekifferin an einem Bahnhof auf, die Jugendrichter verwiesen sie und ihre Eltern zur Drogenberatung. «Dort habe ich realisiert, dass mir die ewige Kifferei nicht gut tut.» Den Cannabiskonsum konnte sie ziemlich einschränken. Ihr Ziel ist es, nur noch einmal im Monat einen Joint zu paffen. Noch tut sich Francesca schwer damit. Immerhin: Sie hat genug von einer «Dauermatschbirne».

Ob Kiffen legal wird oder illegal bleibt, das ist ihr mittlerweile ohnehin egal.

Mitarbeit: Balz Rigendinger, Huber Mooser

* Name geändert

So nicht, Baby!

Zoff und Zensur bei der Produktion einer «Pro Hanf»-Musik-CD.

Zugegeben, unter Marihuana- Einfluss, nach dem Rauchen eines dicken Joints, entstand schon manch guter Song der Rockgeschichte. So dachten wohl auch die Propagandisten der Legalisierungsinitiative «Für eine vernünftige Hanfpolitik mit wirksamem Jugendschutz». Mit hiesigen Musikern wollen sie eine Polit-CD nach dem Vorbild «Stop the Army» produzieren. Eigentlich eine gute Idee, denn das Sammeln der Unterschriften lief nicht nach Plan, ein bisschen musikalische Werbung kommt den Hanffreunden gelegen. Und siehe da: Die üblichen Verdächtigen sagten bereits zu: Der Opa-Kiffer Polo Hofer, aber auch Stiller Has oder Baby Jail. Die CD soll dieses Frühjahr erscheinen.

Bloss: Ausgerechnet Baby Jail, die legendäre Mundartband aus Zürich, darf ihr Lied «Einstiegsdroge Nr. 1» der Platte nicht beisteuern. Denn die Songrechte der 1994 aufgelösten Gruppe liegen bei der Firma Musikvertrieb. Und die mag es eben nicht, wenn ihre Künstler sich agitatorisch betätigen. «Wir lizenzieren keine politischen Lieder», sagt Geschäftsführer Andy Steinmann ganz nüchtern.

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Der Coiffeur ist der neue Dealer

Trotz Polizei-Repression floriert der Hanf-Markt. Schlimmer noch: Ausländer und Berufskriminelle haben nun das Sagen.

Das Bundesamt für Polizei macht sich keine Illusionen. «Mit der Schliessung vieler Hanfläden findet der Handel mit Cannabisprodukten wieder vermehrt im Verborgenen statt.» Und, so steht es im Bericht Innere Sicherheit 2005, «Anbau und Handel ziehen kriminelle Organisationen an».

Fachleute schätzen, dass in der Schweiz mit Cannabis so viel Geld umgesetzt wird wie mit Heroin und Kokain zusammen: eine Milliarde Franken jährlich. «Eine Drehscheibe sind noch immer Hanfshops», sagt die St. Galler Justizdirektorin Karin Keller-Sutter, «denn jene, die es noch gibt, sind kaum mehr zu schliessen. Sie erzielen Monatsumsätze von mehreren 10 000 Franken.» Dass in Hanfshops illegal gehandelt wird, ist zwar schwer nach-zuweisen. Indiz dafür sind aber Raub-delikte im Umfeld solcher Shops.

Die Amateur-Hanfläden, wie sie in den Neunzigern entstanden, sind verschwunden. «Das waren idealistische Kleingewerbler, die auf eine Legalisierung hofften», sagt Michael Herzig, Drogenbeauftragter der Stadt Zürich. Dann, 2000, setzte das Bundesgericht die Schwelle zwischen Industrie- und Drogenhanf fest: Kraut, das mehr als 0,3 Prozent des Wirkstoffs THC enthält, ist illegal. Danach scheiterte die Revision des Betäubungsmittel- gesetzes, die den Cannabiskonsum legalisieren wollte. Die Händler, die nachrückten, arbeiten professionell. «Sie verkaufen verdeckt und pflanzen verdeckt an», sagt Herzig. Videoshops und Coiffeure sind Vertriebskanäle.

Der Preis von 6000 Franken für ein Kilo Cannabis ist seit Jahren stabil. Das lässt zwei Schlüsse zu: Hanf ist erstens verbreitet wie eh und je, trotz Repression. Zweitens: Die Schweiz wandelte sich vom Cannabis-Exportland wieder zum Cannabis-Importland. 2005 stellte die Zollverwaltung eine markante Zunahme von Cannabis-Importen gegenüber 2004 fest, als 153 Kilo Hasch oder Marihuana sichergestellt wurden. 2003 sicherten die Fahnder zwar 448 Kilo Cannabis - aber ein Grossteil war für den Export bestimmt.

Wer sind die Profiteure? «Wir haben Hinweise, dass türkische und jugoslawische Clans den Markt in Basel-Stadt und Baselland kontrollieren», sagt Viktor Roth, Drogenfahnder der Polizei Basel-Landschaft, «der Handel erfolgt meist über Kurierorganisationen.» Produziert werde in Indoor-Plantagen, die Tendenz gehe hin zu kleineren Anlagen. Eine solche hob die Kantonspolizei Glarus im Dezember aus. Ein 26-Jähriger hatte seine Wohnung zur Gärtnerei umfunktioniert: Wärmelampen und Lüftungsrohre im unscheinbaren Mehrfamilienhaus. Und vier Kilo Marihuana. Oft stösst die Polizei nur mit Glück auf Heimplantagen, etwa in St. Gallen, wo Beamte bei einer Hausdurchsuchung Hanfgeruch aus der Nachbarswohnung wahrnahmen.

Eine Besorgnis erregende Aus-wirkung der Null-Toleranz-Politik ist: In den Pflanzen stecken immer mehr Schadstoff-Rückstände. Chemikalien, Schädlingsbekämpfung und Dünger hinterlassen Gifte, die beim Kiffen in die Lungen strömen.

Balz Rigendinger

«Einmal süchtig, immer süchtig»

Früher war der Mediziner Dominik Kamber liberal gegenüber Cannabis. Seine Arbeit hat ihn eines Besseren belehrt.

Facts: Wie hoch ist das Suchtpotenzial von Cannabis?

Dominik Kamber: Sehr hoch. Spätestens, wenn jemand einen Joint nicht mehr als Teil eines sozialen Rituals sieht und alleine zu kiffen beginnt.

Facts: Woran können Eltern oder Lehrer einen cannabissüchtigen Jugendlichen erkennen?

Kamber: Wenn er sich massiv verändert. Er wird schlechter in der Schule, er interessiert sich für gar nichts mehr, wird aggressiver, gleichzeitig auch dünn-häutiger. Oder er hat plötzlich Geld-probleme. Mädchen holen übrigens rasant auf - wie woanders auch.

Facts: Wo beginnt die Sucht?

Kamber: Wenn die Wirkung im Vordergrund steht und alles dem Konsum untergeordnet wird.

Facts: Wie therapieren Sie?

Kamber: Die Jugendlichen kommen nicht freiwillig zu uns, sondern die Schule, Behörden oder Eltern schicken sie. Dann muss ich erst einmal eine Beziehung aufbauen. Das heisst zuzuhören, und zwar ohne moralischen Zeigefinger. Bisher stand noch jedes Mal etwas anderes hinter der Sucht: Probleme in der Schule, keine Lehrstelle, Ärger mit Freundin, Freund oder Eltern. Der Ansatz muss ganzheitlich sein, sonst habe ich keine Chance - und die Jugendlichen auch nicht.

Facts: Geben Sie auch Medikamente?

Kamber: Selten, etwa wenn Jugendliche während des Entzuges Schlafstörungen haben.

Facts: Wie läuft der Entzug ab?

Kamber: Wir haben alle das Bild vom Heroin-Entzug im Kopf. So starke körperliche Entzugssymptome gibt es bei Cannabis nicht, das psychische Verlangen dominiert.

Facts: Einmal abhängig, immer abhängig - gilt das auch für Cannabis?

Kamber: Ja, im Prinzip gilt: einmal süchtig, immer süchtig. Wer nach einem Entzug einen Joint raucht, ist sehr schnell wieder drin.

Facts: Was sagt die Wissenschaft zu Langzeitfolgen?

Kamber: Wir wissen viel mehr darüber als noch vor einigen Jahren. Bei entsprechender Disposition steigt das Risiko für Psychosen, starker Cannabiskonsum kann ausserdem Depressionen und Angsterkrankungen auslösen. Dann das so genannte amotivationale Syndrom: verringerter Antrieb, sozialer Rückzug, Passivität. Und völlig unterschätzt: Die Gefahr für die Atemwege ist wesentlich höher als bei normalen Rauchern. Drei Joints am Tag entsprechen zwanzig Zigaretten.

Facts: Was sollte passieren?

Kamber: Früher war ich liberal. Seitdem ich aber täglich sehe, was Cannabis jungen Menschen im Alter von 13 oder 14 Jahren zufügt, vertrete ich eine deutlich repressivere Haltung. Wir müssen hinschauen, nicht wegschauen, nicht verharmlosen, und ganz klar Stellung beziehen. Einer meiner Patienten hat mir erzählt, er habe einen Joint geraucht und der Rektor sei einfach an ihm vorbeigangen und habe nichts gesagt. Dieser Rektor war für ihn gestorben.

Interview: Thorsten Dörting