Gesundheit: "Hanf ist besser als Morphium"

2004/07/05 - Simone Lippuner, Biel

Eine an Multipler Sklerose erkrankte Bielerin schwört auf die Therapeutische Wirkung von Cannabis.

Rösly S. (Name der Redaktion bekannt) ist genervt: "Was würden die Weinbauern sagen, wenn man ihnen die Rebberge zerstören würde?" Die 84-jährige ärgert sich über die Hanf-Debatte, die Schweizer Politikern rauchende Köpfe beschert: Am 14. Juni hat der Nationalrat die Revision des Betäubungsmittelgesetzes vom Tisch gefegt - Cannabiskonsum bleibt (vorläufig) strafbar. Doch sorgt das Kraut nicht nur für berauschte Stimmung, sondern entfaltet in vielen Bereichen auch therapeutische Wirkung: "Ich brauche dank Hanfblütentee kein Morphium mehr", sagt die vor 46 Jahren an Multipler Sklerose erkrankte Bielerin.

Samen
Mindestens so alt wie das Kiffen ist auch der medizinische Einsatz der Nutz-, Rausch- und Heilpflanze. Ob Blätter zur Linderung von Krämpfen, Wurzeln für schwierige Geburten oder Samen zur Unterdrückung böser Geister - Hanf zeigte schon früher vielseitige Wirkung. Heute werden Cannabisprodukte am häufigsten bei Depressionen, Aids, Asthma, Schlafstörungen oder Muskelkrämpfen verwendet - illegal. "Cannabis ist gemäss dem Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic keine therapeutische Substanz", erklärt Roman Simon von der Schweizerischen Hanf Koordination SHK. "Die Verwendung von Hanf und seinen Inhaltsstoffen als Arzneimittel wird dadurch erschwert, dass die Pflanze illegal als Droge Verwendung findet und dadurch unter das Betäubungsmittelgesetz fällt."

Substanzen
Jedoch laufe die strafrechtliche Verfolgung in jedem Kanton anders, die Welschen seien restriktiver als der Rest der Schweiz. "Bieler Aerzte hüten sich, für Hanf ein Rezept auszustellen und verweisen ihre Patienten meist direkt an die Geschäfte", so Simon. Erlaubt sei in der Schweiz einzig die Selbstmedikation, also der Anbau einer Pflanze zur Selbsttherapie von Krankheiten und Beschwerden. "Es gibt registrierte Medikamente auf Hanf-Basis. Doch diese chemischen Substanzen zeigen massive Nebenwirkungen."

"Ich pfeife auf die Illegalität", sagt Rösly S. "Ich kann fast gänzlich auf starke Medikament verzichten - der Hanf lindert die durch Verwachsungen in meinem Bauch ausgelösten Schmerzen." Auf den grünen Zweig kam die Rentnerin vor drei Jahren. "Seither besorgt mir mein Mann die Blüten, pro Tag trinke ich zwei bis drei Tassen Hanftee."

Sirup
Lieferant der Naturmedizin ist "Hanf-Info" an der Bieler Aarbergstrasse. "Von unseren 8000 Kunden sind gut 300 Bezüger von Heilmitteln, darunter viele ältere Leute", bestätigt Verkäufer Gérard Béroud. Sie erhalten gegen Vorweisung eines ärztlichen Rezeptes 30 Prozent Rabatt. Béroud ergänzt: "Die Dosis liegt unterhalb der Schwelle psychoaktiver Wirkungen. Kranke wollen keinen Rausch, sie wollen ihre Schmerzen lindern."

Dass Hanf gut tun kann, weiss auch die Nidauer Allgemeinpraktikerin Helen Burach: "Obwohl ich dafür keine Rezepte ausstelle, weiss ich von der therapeutischen Wirkung des Hanfes." Sie erwähnt die Behandlung von Aids- und Krebspatienten: 2Cannabis fördert den Appetit der Patienten und mildert die Nebenwirkungen einer Chemotherapie."

Stoff
Doch die Blüte des Hanfes (als Medizin) wird erst kommen, wenn es gelingt, das Negativimage als Rauschdroge zu korrigieren, Cannabis als Naturprodukt zu entmystifizieren und die gesetzlichen Voraussetzungen zu schaffen. Als Antwort auf den politischen Entscheid vom 14. Juni lancierte das Komitee "Pro Jugendschutz - gegen Drogenkriminalität" eine Liberalisierungsinitiative. "Ich habe bereits unterschrieben", sagt Rösly S. "Und wenn denn alles nichts nützt, wird mir meine Nichte den Stoff halt woanders besorgen!".