Gras mit Mass
Cannabis sei doch nicht harmlos, sagen neue Studien. Stimmt das?
Die Datenbasis sei zwar schmal, trotzdem lasse sie den Schluss zu: Regelmässiger Cannabiskonsum erhöht das Erkrankungsrisiko für Schizophrenie und Depression, zumindest für Menschen mit entsprechender Veranlagung. So fasste das British Medical Journal kürzlich die Ergebnisse mehrerer Studien zusammen, die sich mit der Langzeitwirkung des Kiffens beschäftigt hatten. Fast gebetsmühlenartig haben in den letzten Jahrzehnten Befürworter der Straffreiheit die "absolute Unbedenklichkeit" des Haschischkonsums heruntergeleiert. Auf der anderen Seite, mal leiser, jetzt lauter, die Bedenkenträger: Haschisch verneble das Gehirn und führe in die psychische Abhängigkeit, ausserdem verleite es zum Konsum harter Drogen.
Das Vorurteil der "Einstiegsdroge" ist zwar wissenschaftlich mehrfach widerlegt worden, dass aber der Stoff völlig harmlos sei, wird kaum noch behauptet. Auch der bekannte Zürcher Drogenexperte Ambros Uchtenhagen, an sich ein "Legalize it"-Verfechter, weist seit Jahren auf mögliche Risiken von übermässigem Cannabiskonsum hin: chronische Bronchitis und höheres Risiko für Lungenkrebs (fünf Joints pro Woche entsprechen einem Päckchen Zigaretten täglich), verminderte Fruchtbarkeit, vermehrte Fehl- und Frühgeburten, erhöhtes Missbildungs- und Krankheitsrisiko bei den Babys, Beeinträchtigung der Wahrnehmung, der Gedächtnisleistungen, Schädigungen der Hirnfunktionen.
Und nun der Hammerschlag vom British Medical Journal: Psychosen! Schizophrenie und Depression! Das renommierte Fachblatt beruft sich unter anderem auf eine Langzeitstudie aus Schweden, bei der 50000 Teilnehmer während 15 Jahren beobachtet wurden. Die Ergebnisse zeigen einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und Schizophrenie, unklar bleibt jedoch, ob psychisch labile Personen auch eher zum Kiffen neigen als Gesunde. Eine Studie aus Holland mit rund 4000 Teilnehmern zeigt zudem, dass die Psychose umso ausgeprägter ist, je länger eine Person gekifft hat. Erdrückend auch die Indizien in Zusammenhang mit schwerer Depression: Zwei Untersuchungen aus den USA und Australien legen nahe, dass sich das Erkrankungsrisiko durch regelmässiges Kiffen vervierfacht.
Düstere Aussichten also für jene, die den täglichen Joint in Ehren halten - doch kein Grund, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Andere Befürchtungen sind inzwischen durch die Forschung widerlegt worden, beispielsweise, dass kiffen blöd mache. In einer kanadischen Langzeitstudie schnitten Jugendliche, die regelmässig Cannabis rauchten, in IQ-Tests zwar schlechter ab als Gelegenheitskiffer und Abstinenzler. Sobald sie aber dem täglichen Joint entsagten, zogen sie punkto IQ mit den andern gleich.
Auch das Schizophrenierisiko sollte nicht überbewertet werden: Gemessen an der Gesamtbevölkerung, hat die Zahl der Erkrankungsfälle, so heisst es ebenfalls im British Medical Journal, in den letzten Jahren nicht zugenommen. Und für Gelegenheitskiffer haben die Daten - ähnlich wie beim Alkoholkonsum - keine Relevanz: Massvolles Kiffen ist unbedenklich, sagen die Experten. Und der vergangene Woche in Brüssel publizierte "Cannabis Report 2002", eine Initiative von fünf nationalen Gesundheitsministerien inklusive der Schweiz, kommt zum Schluss, dass "die meisten Cannabiskonsumenten den Umgang mit der Droge unter Kontrolle haben". Das gilt in Europa für immerhin 45 Millionen Menschen.