Hanf in der marokkanischen Pharmakopöe
Cannabis sativa L.
I-qanneb (!): bezeichnet Textil-Faserhanf ; ebenfalls Name für Schnur (aus Hanf hergestellt).
I-kîf (!):harzhaltiger Hanf ; wird in den nördlichen Landesteilen angebaut.
hšîša (!): Präparat aus Hanf-Harz. takrûri (Algerien, Tunesien).
Cannabis sativa L. ist eine sehr vielgestaltige, zweihäusige Art, von der es auch einhäusige Arten gibt. Die selbe Pflanze kann, je nach den klimatischen Bedingungen, Fasern oder Harz produzieren. Es gibt jedoch Sorten, welche unter genau festgelegten Bedingungen besonders lange Fasern oder viel Harz liefern.
In Marokko wird der harzhaltige Hanf hauptsächlich im Rifgebirge angebaut (Provinzen Alhucema, Tetouan, Chaouen, Taounate und Larache), auf humusreichen Waldböden und in der Nähe von Wasserstellen, da die Hanfpflanze eine gute Bewässerung benötigt. Seit rund fünfzehn Jahren werden auch Sorten angebaut, die von Drogenhändlern eingeführt wurden und deren Wasserbedarf durch den Regenfall gedeckt ist. Dies führte zu einer grösseren Verbreitung des Anbaus in Gebieten ohne Bewässerungsmöglichkeit. Leider hat sich die Einführung dieser Sorten sehr negativ auf die Wälder des Rifgebietes ausgewirkt, da die unkontrollierte Abholzung der Wälder sich nicht mehr nur auf Stellen beschränkt, an denen Wasser vorhanden ist. Textilhanf wird in der Umgebung von Sefrou, Fes, Meknes, Essaouira und Ait Ourir angebaut.
(!) Dialektausdrücke, von Informanten und aus verschiedenen Quellen bestätigt
Geschichte des indischen Hanfs in Marokko
Es ist nicht genau bekannt, zu welchem Zeitpunkt der indische Hanf nach Marokko kam. Jedenfalls wird der Hanf im Reisebericht EL-BEKRIS (11. Jh. n. Chr.) nicht erwähnt. Ebensowenig bei IBN AL-BAYTAR, der die Pflanze bereits aus Ägypten kannte, wo sie für die Drogenproduktion angebaut wurde und als hašîša bekannt war. Nach dem Historiker AL-MAQRIZI wurde der indische Hanf im 13. Jh. n. Chr. in Ägypten eingeführt. Laut NAHAS (1973) wurde die Pflanze zu dieser Zeit in Nordafrika akklimatisiert, also weit vor dem 15. Jh. n. Chr. Der Gebrauch von Hanf zu Betäubungsmittelzwecken war aber seit sehr langer Zeit bekannt und schon bei der Eroberung des Maghrebs unter den Arabern verbreitet. Im Gegensatz zur heutigen Zeit beschränkte sich damals der Hanfanbau nicht nur auf die nördlichen Landesteile. Er war, wenn auch nie im grossem Massstab, im ganzen Land verbreitet: in privaten Gärten, in Obst- und Gemüsegärten. Der kif-Anbau erstreckte sich bis in die Oasen von Gourara und Touât und verbreitete sich von dort aus in den Sudan. Gegen Ende des 18. Jh. n. Chr. verlagerte sich das Hauptproduktionsgebiet in das Rifgebirge. Sicher ist, dass der kif-Anbau sich erst in den letzten 4 bis 5 Jahrzehnten mit dem Aufkommen des internationalen Cannabishandels zu einem einträglichen Geschäft entwickelt hat.
Es ist anzunehmen, dass der Gebrauch des kif bereits um das Jahr 1800 in der Bevölkerung verbreitet war, denn gegen Ende des Jahrhunderts musste der Sultan Moulay Hassan sehr strenge Massnahmen gegen den Drogenhandel erlassen (EN-NACIRI). Aber schon damals war der kif-Gebrauch nicht mehr zu kontrollieren. Während des französischen Protektorats war der Verkauf sogar offiziell erlaubt und gehörte zum Monopol der Régie des Tabacs. Im Handel fanden sich unter verschiedenen Markennahmen (Jiyed, usw.) Produkte aus gehacktem kif oder Mischungen aus 33% oder 20% indischem Hanf mit Tabak, welche von Betrieben in Tanger und Kenitra hergestellt wurden. Diese Lage dauerte bis 1953, als der Verkauf von indischem Hanf durch einen ersten dahir verboten wurde. Mit einem weiteren dahir vom 24. April 1954 wurden auch die Herstellung und den Konsum unter Verbot gestellt.
In Marokko wurde früher zwischen drei Sorten von kif unterschieden: dem ktami, dem zerwali und dem gnawi (nach den Produktionsgebieten). Alle drei Sorten benötigen relativ viel Wasser.
Traditionelle Anwendungsgebiete
Früher wurde der indische Hanf oft bei starken Schmerzen als Beruhigungsmittel eingesetzt. Seine beruhigende Wirkung wird auch heute noch geschätzt, besonders wenn er als ma’jûn (s. als ma’jûn bezeichnetes Präparat) eingenommen oder als kif geraucht wird. In der Chirurgie fand er als Beruhigungsmittel und Anästhetikum vor Operationen (Amputationen, Entfernung von Projektilen) Verwendung und wurde häufig mit Bilsenkraut und Mandragora vermischt.
Betäubungsmittel auf der Basis von indischen Hanf in Marokko
Mit dem indischen Hanf aus dem Rifgebiet wird kif hergestellt, auch hašîša genannt (lit.: das Gras, das Unvergleichliche). Guter kif besteht im Prinzip ausschliesslich aus den getrockneten und gehackten Blütenspitzen weiblicher Pflanzen und deren Spelzen. Meist mit Tabak gemischt, wird kif in speziellen Pfeifen (sebsi) aus kunstvoll bearbeitetem Holz mit einem Feuereinsatz aus Ton geraucht. Von den kif-Rauchern werden diese Pfeifen sehr sorgfältig ausgewählt. Damit der Rauch seinen Teer ablagern kann und doch nicht abkühlt, darf das Rohr nicht zu lang und nicht zu kurz sein. Der Feuereinsatz muss aus widerstandsfähigem Ton bestehen, damit die Temperatur auf 800 - 1000° steigen kann, da bei diesen Temperaturen die aktiven Substanzen sehr schnell flüchtig werden. Als Holz für das Pfeifenrohr wählt man gewöhnlich die Äste einer Art mit weichem Innenholz, das mit einem Haken leicht entfernt werden kann. Trotzdem muss das Holz hart sein. Meist wird Holz von Jasminum fruticans L., Nerium oleander L. oder auch Viburnum tinus L. genommen.
Aus dem indischen Hanf wird auch šîrra hergestellt, ein Harz, das durch kräftiges Abstreifen der Blütenspitzen weiblicher Pflanzen gewonnen wird. Dieses harzige Pulver wird mit verschiedenen anderen Zutaten wie Alkohol, Honig usw. vermischt und ergibt eine Paste, die beim Trocknen hart wird. Sîrra findet sich in Form von Tafeln (wie Schokolade), als kleine Würfel oder in Stäbchenform und kann geraucht, mit Tabak vermischt oder in Gebäcken, Kuchen, gefüllten Datteln oder noch zu Mahlzeiten gegessen werden, die sehr reich an Fleisch und Kohlehydraten sind.
Das ma’jûn (lit.: Paste, Konfitüre) ist ein pastenartiges Präparat aus Hanfharz (šîrra) und anderen Substanzen, deren Art und Anzahl variieren kann (s. als ma’jûn bezeichnetes Präparat).
Ma’jûn wird meist in Kuchen (insbesondere lamûna), Gebäcken und sehr pikanten Gerichten gegessen oder mit heissen Getränken eingenommen (Tee oder Kaffee). Das ma’jûn wurde von Baudelaire in seinem Werk "Die künstlichen Paradiese" beschrieben ("Le poème du haschich").
Seit einigen Jahren wird auf die Nachfrage internationaler Drogenhändler hin auch "kif-Öl" ("zît-el-kîf") hergestellt, das bis zu 70% pharmakologisch aktive Substanzen enthält. Die Herstellungsweise ist nicht genau bekannt, aber man weiss, dass bei der ersten Phase organische Lösungsmittel zum Einsatz kommen. Es handelt sich wahrscheinlich um einen Extraktionsvorgang fest-flüssiger Stoffe.
Toxizität
In Marokko tragen drei verschiedene Umstände zur Intoxikation bei:
Beabsichtigte Intoxikation bei Personen, die ihre elenden Lebensumstände zu vergessen suchen, sowie das Gegenteil: Personen aus wohlhabenden und sozial gesicherten Kreisen auf der Suche nach künstlichen Paradiesen und einer Abwechslung in der Monotonie ihres Lebens. Wenn der Gebrauch der Droge regelmässig ist, spricht man von Cannabismus.
Unbeabsichtigte Intoxikationen, meist bei Kindern: sei es, dass sie dem Rauch von kif-Rauchern ausgesetzt waren, sei es, dass sie irrtümlicherweise Präparate (šîrra, ma’jûn) mit indischem Hanf eingenommen haben.
Beabsichtigte Intoxikationen zu perversen und kriminellen Zwecken: in den meisten Fällen wird jemandem indischer Hanf oder eines seiner Präparate verabreicht, um den Widerstand zu schwächen und ihn dann auf die eine oder andere Weise zu missbrauchen.
Symtome bei Intoxikationen
Zuerst sind die Wirkungen der Droge positiv: allgemeines Wohlgefühl, Euphorie, gesteigerte intellektuelle Leistungsfähigkeit, manchmal exzentrische Einfälle; danach kann es zum Auftreten von Halluzinationen kommen, zum Verlust der Zeit- und Raumwahrnehmung, überempfindlicher Reaktion auf Geräusche und Musik, Störung des Identitätsgefühls, Übererregtheit, Herzklopfen, Schweissausbrüche und beschleunigter Atmung. Die Person wird sehr beeinflussbar und exaltiert und wirkt manchmal aggressiv. Darauf folgt eine Phase der Verinnerlichung, der Ekstase und schliesslich der Schlaf. Bei hoher Dosis können sich Benommenheit, starke Koordinationsstörungen, manchmal deliröse Wutausbrüche oder komatöse Zustände einstellen.
Bei der chronischen Intoxikation, bei gewohnheitsmässigen Hanfrauchern, beobachtet man eine gewisse Gleichgültigkeit, Launenhaftigkeit (manchmal freundlich, manchmal wütend oder aggressiv), Willensschwäche, Blässe, Magerkeit, Appetitlosigkeit. Dann kommt es allmählich zu allgemeinem körperlichem Verfall, zu einer Abnahme der geistigen Fähigkeiten und sehr häufig zu schizophrenieähnlichen Zuständen. Bei chronischem Gebrauch können akute und gelegentliche Episoden unterschiedlicher Art auftreten: Melancholie, Verwirrungszustände, Erregung oder aggressives Verhalten, manchmal Gewalttätigkeit.
Bei Kindern finden sich folgende Symptome: bald nach dem Kontakt mit der Droge treten Verhaltensstörungen wie Weinen, Angstzustände und Euphorie auf. Sie können von Herzklopfen, erniedrigter Körpertemperatur und Sehstörungen begleitet sein.
Die Droge führt jedoch nicht zu wirklicher Sucht, sondern eher zu einer Art seelischer Abhängigkeit.
Mehr als bei jeder anderen Droge hängt beim indischen Hanf die Wirkung von der Persönlichkeit des Konsumenten ab, dem sozialen und intellektuelle Niveau und der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur. Die Wirkung kann Melancholie sein oder Fröhlichkeit, aber auch Verwirrung und Aggressivität. Intellektuelle, Kreative und Künstler können unter dem Einfluss der Droge zu hervorragenden Leistungen angeregt werden: sie sind dann voller Inspiration, die Selbstkritik fällt weg und die Kreativität kann sich voll entfalten. In Marokko finden wir diese Situation oft bei Handwerkern, die im Allgemeinen dem kif zugeneigt sind. Unter dem Einfluss des kif singen sie qâssidas und melhûns und erschaffen oft Werke von hohem künstlerischen Wert.
Während des Ramadan-Monats (Fastenmonat) ist es auch in bestimmten bürgerlichen Familien üblich, bei den häufigen Besuchen von Familie und Freunden Süssigkeiten und Gebäck mit ma’jûn anzubieten. Dies mit der Absicht, eine bestimmte Stimmung zu erzeugen: der Lebensfreude, Verspieltheit, Erotik, religiösen Ekstase usw.
Schriftliche Quellen arabischen Ursprungs
Der indische Hanf wird im Allgemeinen von allen arabischen Autoren wegen seiner therapeutischen und betäubenden Wirkung erwähnt. IBN AL-BAYTAR (LECLERC, 1877-1883, Nr. 1874) erwähnt ihn als Betäubungsmittel und den Namen quannab hindî und hašîša, zitiert aber die marokkanische Bezeichung nicht. In der ‚Umdat at-tabib (Nr. 2149) kommt das Wort kif ebenfalls nicht vor, hingegen wird gesagt, dass hašîša als Betäubungsmittel gegessen (und nicht geraucht) wird. AL-WAZIR AL-GHASSANI (Nr. 370) ist der selben Meinung und führt aus, dass der Gebrauch in Marokko am Zunehmen ist (zur Zeit des Autors, d.h. im 16. Jh. n. Chr.). Die Tuhfât al-ahbab (Nr. 444) erwähnt lediglich die Pflanzenart. Bei ABDEREZAQ findet sich keine Beschreibung.
In einer neueren bibliographischen Arbeit stellten MERZOUKI et al. (1994) eine Liste von arabisch-islamischen Schriften zusammen, in denen der indische Hanf auf die eine oder andere Art abgehandelt wird.
Chemische Daten Der Wirkstoff des indischen Hanfs ist ein Harz (5 bis 20% in den Blütenspitzen). Er enthält phenolische, nicht stickstoffgebundene Stubstanzen, die Cannabinoide, welche Derivate des Benzopyrans sind. Im Folgenden die wichtigsten Cannabinoide:
das Cannabinol (CBN),
das Cannabidiol (CBD), eine biphenolische Substanz,
die Cannabidiolsäure (CBDA). Diese drei Substanzen haben keine betäubende Wirkung, aber sie sind trotzdem toxisch;
die beiden Isomere des Tetrahydrocannabinols (THC), von denen nur das D9-THC für die Drogenwirkung verantwortlich ist.
Die inaktive Tetrahydrocannabinolsäure, die durch das Rauchen in aktives THC umgewandelt wird.
Es wurden wurden noch weitere Cannabinoide isoliert (bis heute insgesamt 66), die aber eher eine nebensächliche Rolle spielen (PARIS&MOYSE; 1976-1981; BRUNETON, 1996)
Durch Selektion und Kreuzungen können Cannabis sativa-Arten mit besonders viel oder besonders wenig THC gezüchtet werden, je nach Bedarf (AZDET et al., 1984). MERZOUKI und MOLERO MESA (1995) haben bei weiblichen Pflanzen aus dem Rif THC-Konzentration von 0.88 bis 1.38% gefunden.
Neben dem Harz findet man in den Blütenspitzen 0.05 bis 0.1% eines ätherischen Öls, das Limomen und Karyophyllen, ein Cholin, Trigonellin, ein Kumaringlykosid und Spuren von Alkaloiden (darunter das Cannabisativin) enthält (PARIS & MOISE, 1976-1981) (KERHARO & ADAM, 1974). Die Blätter enthalten Flavonoide, das Vitexin und das Orientin. Die Samen bestehen zu 30% aus halbtrockenem Öl, in dem sich vor allem Linol- und Linolensäure finden, sowie Proteide, darunter ein Globulin, das Edestin. Die Samen enthalten keine Cannabinoide (PARIS & MOYSE, 1976 - 1981).
Ma’jûn (lit.: Paste, Konfitüre) ist ein pastenartiges Präparat aus dem Harz des indischen Hanfs und einer bestimmten Anzahl von Zusätzen, die variieren können. Neben šîrra (Harz des indischen Hanfs) finden sich üblicherweise Paradieskörner (aframomum melegueta), Kantharide (spanische Fliege), Samen von Datura stramonium, Bilsenkrautsamen, Beeren der Tollkirsche, Kubebenpfeffer (piper cubeba), Mohnsamen, Ingwer, ceylonesischer Zimt, Muskatnuss, Kardamon, Safran, schwarzer Pfeffer, Mandeln, Nüsse, Honig, gummi arabicum und manchmal, wenn auch selten Opium. Die aus diesen Zutaten gewonnene Paste wird mit Butter verfestigt und zu kleinen Kugeln geformt.
Im ma’jûn kann das šîrra durch einen konzentrierten Extrakt aus Blütenspitzen der weiblichen Pflanze und Samen des indischen Hanfs ersetzt werden. Dieser Extrakt wird durch das Einkochen eines Absuds aus Blütenspitzen und Samen erhalten. Danach wird die Mischung mit Butter verrührt und während weiteren zwei Stunden gekocht.
Traditionelle Anwendungen
Ma’jûn wird meist in Kuchen (insbesondere lamûna), Süssigkeiten, sehr pikanten Gerichten oder zu heissen Getränken (Tee oder Kaffee) eingenommen. Das ma’jûn wurde von Baudelaire in "Die künstlichen Paradiese" ("Le poème du haschich") beschrieben. Die Wirkung ist euphorisierend und betäubend.
La pharmacopée marocaine traditionnelle
Ibis Press, 1997