Hanfpflanze birgt Medizin fürs Herz
Der Cannabis-Wirkstoff THC schützt Herzkranzgefässe vor Entzündungen, die zu einem Herzinfarkt führen können. Das fanden Genfer Forscher vorerst bei Mäusen heraus. Von Peter Spork «Hanf vermindert die üblen Säfte und macht die guten Säfte stark», soll Hildegard von Bingen schon im 12. Jahrhundert erkannt haben. Auch die frühere schweizerische Volksmedizin kannte Hanftee gut. Bis 1950 gab es hier zu Lande über hundert legale Cannabismedikamente. Inzwischen boomt die einstige Heilpflanze allerdings vor allem als illegale Droge - wegen ihrer psychoaktiven, euphorisierenden und halluzinogenen Eigenschaften. Deshalb und wegen des Rufs als Einstiegsdroge ist Cannabis als Rauschmittel fast überall verboten.
Doch seit wenigen Jahren erlebt die Hanfpflanze, lateinisch Cannabis sativa, als Heilkraut eine Renaissance. Heute von Genfer Forschern im Wissenschaftsmagazin «Nature» veröffentlichte Daten legen sogar nahe, dass Substanzen aus Cannabis in Zukunft zum Volksmedikament werden könnten (Bd. 434, S. 782): Der wichtigste Hanf-Inhaltsstoff scheint zur Vorbeugung vor Herzinfarkt zu taugen.
Das Forscherteam um den Mediziner François Mach von der Universitätsklinik Genf testete die Wirkung des reinen Cannabis-Wirkstoffs Tetrahydrocannabinol (THC) bei Mäusen mit entzündeten Herzkranzgefässen: Bereits mit kleinen, noch nicht halluzinogen wirkenden Dosen behandelte Tiere entwickelten deutlich schwächere arteriosklerotische Ablagerungen als eine unbehandelte Vergleichsgruppe. Es sind diese gefährlichen Entzündungsherde, die Arterien verstopfen und so den Brustschmerz Angina pectoris oder einen Herzinfarkt auslösen. Chronische Entzündungen gehemmt
Machs Fazit: Die so genannten Canna-binoide, also alle Stoffe, die im Körper die gleichen Reaktionswege aktivieren wie das THC, seien «nützliche Zielstrukturen für die Bekämpfung der Arteriosklerose». Ein zweiter Versuch grenzte diese Reaktionswege ein: Der positive Effekt blieb aus, sobald die Nager eine weitere Substanz erhielten. Diese blockiert den so genannten CB2-Rezeptor, eine Andockstelle für das körpereigene Cannabinoid Anandamid, das vor allem auf Immunzellen sitzt. Die Forscher folgern, dass das THC die chronische Entzündung hemmt, indem es den CB2-Rezeptor aktiviert und so das Immunsystem in den Herzkranzarterien unterdrückt.
Dass Cannabinoide überschiessende Immunreaktionen lindern können, ist schon länger bekannt. So beschrieben Wissenschaftler um Beat Lutz vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München vergangenes Jahr Mäuse, die keine Cannabis-Rezeptoren hatten. Das Ergebnis: Die Tiere bekamen extrem leicht Darmentzündungen («J. Clin. Inv.», Bd. 113, S. 1202).
Auch die Behandlung der Autoimmun-krankheit Multiple Sklerose (MS) mit THC wird seit längerem diskutiert. Bei Mäusen besserten sich MS-Krankheitssymptome, indem THC ihr Immunsystem hemmte, sagt der ärztliche Beirat der schweizerischen MS-Gesellschaft Claude Vaney von der Bernischen Höhenklinik Montana-Vermala. Beim Menschen sei allerdings nur der Nutzen gegen eine besonders unangenehme MS-Beschwerde wissenschaftlich belegt: «THC hilft bei schmerzhaften Muskelkrämpfen.»
Auch wenn dieser Effekt einer grossen britischen Studie zufolge vielleicht nur subjektiv sei, fordert Vaney, der die erste schweizerische Cannabis-Studie aus dem Jahr 1999 leitete, die Droge müsse Menschen zugänglich gemacht werden, bei denen übliche krampflösende Mittel versagen: «Die Freigabe von THC und Cannabis könnte den MS-Betroffenen zu einem krampfärmeren Alltag verhelfen.» Cannabis-Medikamente verboten
Anders als in vielen anderen Ländern ist das isolierte THC in der Schweiz nicht als Medikament zugelassen. Ärzte können es nur im Rahmen einer Sonderbewilligung für wissenschaftliche Zwecke importieren. Manche Länder, darunter einige Staaten der USA, gestatten indes sogar Patienten, ärztlich verordnete Joints zu rauchen: Eingesetzt werden Cannabinoide hauptsächlich, um bei Krebs- und Aids-Patienten den Appetit zu steigern, um die Übelkeit von Krebspatienten während und nach einer Chemotherapie zu bekämpfen oder um den Augeninnendruck bei Menschen mit grünem Star zu senken. Joints erhöhen Infarktrisiko
Ob THC eines Tages wirklich auch als Herzinfarktprophylaxe taugt, bleibt indes abzuwarten. Zunächst gelte vor allem, neue Stoffe zu finden, die möglichst nur den CB2-Rezeptor aktivieren, meint der Mediziner Michael Roth von der University of California in Los Angeles, USA, in einem Begleitkommentar («Nature», Bd. 434, S. 708). Die Resultate aus Genf bedeuteten nämlich keinesfalls, «dass das Rauchen von Hasch gut für das Herz ist». Viele der negativen Effekte der Droge wirken über einen CB1 genannten Rezeptor im Gehirn - darunter ein plötzlicher Anstieg von Blutdruck und Puls, gefolgt von einem scharfen Blutdruckabfall. Zumindest für Herzkranke kann das gefährlich werden. Vor fünf Jahren machten Ärzte aus Boston mit der Analyse von knapp 4000 kiffenden Herzinfarktpatienten Schlagzeilen: Zumindest bei Älteren steigt das Infarktrisiko während der ersten Stunde nach dem Rauchen eines Joints um den Faktor fünf.
Tagesanzeiger, 07.04.2005 http://www.tagi.ch/dyn/news/vermischtes/485778.html