MS-Patientin: dank Cannabisspray bin ich schmerzfrei!
Die 63-jährige Engländerin Carol Shipman leidet an multipler Sklerose. Sie ist eine der Testpersonen, die den neuen Cannabisspray Sativex des Pharmaunternehmens GW Pharmaceuticals ausprobieren. "Seit ich den Spray inhaliere, habe ich überhaupt keine Schmerzen mehr. Ich bin entspannter und schlafe besser. Ich würde auf keinen Fall etwas anderes nehmen", erklärt sie voller Überzeugung.
Wer hätte das gedacht? Zwischen zwei Tassen Tee, begleitet von köstlichen Muffins, inhaliert diese vornehme englische Dame zweimal von ihrem Cannabisspray. Carol Shipman ist eine von 125 Versuchspersonen, die an multipler Sklerose leiden und den Cannabisspray von GW Pharmaceuticals testen. Wir befinden uns nicht in einem übelbeleumdeten Lokal, sondern in der grünen Landschaft von Oxfordshire, in einem dieser Cottages aus rotem Backstein, die der Inbegriff des britischen lifestyle sind. Carol, eine gepflegte und elegante Dame mit tadelloser Frisur, strahlt vor Lebensfreude.
"Ich versichere Ihnen, dass ich keine Schmerzen mehr habe, seit ich inhaliere. Ich bin viel entspannter und schlafe besser. Dieser Spray ist das ideale Medikament für mich". Laut Carol gibt es in der Nachbarschft kein Gerede wegen ihres Cannabiskonsums: "Meine Nachbarn kennen den Unterschied zwischen einer Droge und einem Medikament. Falls sich jemand darüber lustig macht, reagiere ich einfach nicht".
Immerhin gibt diese sehr korrekte Dame zu, dass sie im ersten Moment ein wenig schockiert war, als ihr der Arzt das Medikament vorschlug. Während sie ein Porträt von Prinz Charles betrachtet, sagt sie: "Ich habe dann mit meiner Mutter darüber gesprochen. Sie hatte einige Zweifel daran, ob es richtig sei, eine illegale Substanz im Kühlschrank aufzubewahren". Doch letztlich war sie einverstanden, denn die klassischen Medikamente konnten die von der Krankheit verursachten schrecklichen Schmerzen im Rücken und in den Beinen nicht mehr lindern. Nun inhaliert sie drei bis sieben Mal pro Tag und schwört, dass sie keinen "Gewöhnungseffekt" verspüre. Allerdings setzt sie sich nach dem Inhalieren nicht ans Steuer, denn das Medikament "beeinträchtigt die Reflexe".
Keine Althippies, sondern richtige Forscher
Der Mann, der dieses Wunder zustande brachte, heisst Philip Robson. Er ist Arzt und medizinischer Direktor der Firma GW Pharmaceuticals in Oxford. Wie in allen Biotechnologielabors sieht man auch hier Forscher in weissen Kitteln und geschäftige Manager in Krawatte umher eilen. "Wir sind keine Althippies, sondern richtige Forscher", erklärt Robson und "freut sich über die gute Nachricht aus Kanada". In Kanada wurde Sativex kürzlich offiziell zugelassen. "Nun können europäische Patienten geltend machen, dass ein Medikament nicht für Kanadier gut sein kann und für Europäer nicht. Bald wird Sativex auch in der EU erhältlich sein".
Versteckte Felder mit "Indoor"-Hanf
Die Pflanzen für die Herstellung des Medikaments befinden sich etwa hundert Kilometer südlich von London, "an einem aus Sicherheitsgründen geheim gehaltenen Ort". Dank einer Ausnahmegenehmigung des Innenministeriums wachsen in einem riesigen Hangar etwa 60 Tonnen Cannabispflanzen. Tag und Nacht brennen Lampen mit künstlichem Licht, die Feuchtigkeit kann laufend angepasst werden. Damit soll gewährleistet sein, dass die Pflanzen einheitlichen wissenschaftlichen Standards entsprechen, was den Gehalt der pharmakologisch aktiven Substanzen betrifft. Nur einige handverlesene Angestellte haben Zugang, denn die Gefahr ist gross, dass der Ort das Interesse von Dealern erweckt. Laut Public-Relations-Beauftragtem Mark Robertson "muss der Werdegang jeder einzelnen Pflanze im Detail dokumentiert werden, um nachzuweisen, dass alles mit rechten Dingen zugeht".
Die ersten Pflanzen hatte man 1997 von der holländischen Firma Hortapharm gekauft und danach selber weiter gezüchtet. In den Laboratorien extrahieren Techniker die aktiven Substanzen der Pflanze und verarbeiten sie zu einem Spray. GW Pharmaceuticals wurde 1997 von Dr. Geoffrey W. Guy gegründet, der vorher in einem Spital über die Anwendung von Morphium gearbeitet hatte. Guy konnte einige wagemutige Investoren dazu überreden, 10 Millionen Pfund in das Projekt zu investieren. Der Markt für Medikamente zur Behandlung von neurologischen Schmerzen ist viel versprechend, denn wirklich gute und wirksame Präparate gibt es kaum. Allein in Grossbritannien leiden 85’000 Menschen an multipler Sklerose, noch viel mehr sind es in der gesamten EU. Da könnte sich der therapeutische Cannabis durchaus als Goldgrube erweisen!
Übersetzung/Textbearbeitung: HC, Hanf-Info Murten