Patient gerettet, Arzt gibt auf

Schmerz-Doktor soll 76 000 Euro zahlen
In den "Chor" enttäuschter Ärzte auf der gestrigen Kundgebung im "Blauhaus" hat ein Potsdamer Mediziner mit einem besonders schwierigen Fall eingestimmt. Er rettete einem Krebspatienten das Leben und soll nun dafür zahlen.

Märkische Allgemeine 26.11.2005

Knud Gastmeier muss einer sachsen-anhaltinischen Krankenkasse 76 000 Euro überweisen, weil er einem mutmaßlichen Todeskandidaten ein so teures wie überraschend hilfreiches Medikament verschrieb: das Cannabis-Präparat Dronabinol, das die Kasse nicht bezahlt. Der Prüfungs- und Beschwerdeausschuss der Kassenärztlichen Vereinigung und der Verbände der Krankenkassen gab Gastmeier in seiner Therapie zunächst Recht, nach der Beschwerde der Kasse dann aber Unrecht. Jetzt bricht der Potsdamer Arzt seine Schmerzbehandlung und Sterbebegleitung generell ab, weil er damit ständig zuviel Verluste macht und seine Praxis gefährdet.

Zum Fall: Der heute 47-jährige Zungenkrebskranke hatte den Anästhesisten im Mai 1999 in der Hoffnung auf Schmerzlinderung aufgesucht; immerhin begleitet Gastmeier viele Patienten auf ihrem häufig letzten Lebensweg - Palliativmedizin nennt sich das. Der Mann aus Wittenberge hatte eine Operation und die Strahlentherapie im Bergmann-Klinikum hinter sich; er litt unter starken Schmerzen und nahm rapide ab, weil er keine feste Nahrung zu sich nehmen konnte. Bis Ende 1999 ging es nur bergab; Gastmeier stufte ihn als unheilbar ein. Als verschiedene klinische wie ambulante Therapieversuche keine wirkliche Besserung brachten, griff der Schmerzdoktor zum legalen Haschisch-Medikament aus den USA. Es regt den Appetit an und fördert die Erholung des Körpers. Der Patient nahm wieder zu, und sein Allgemeinzustand besserte sich so, dass er auf andere Medikamente umgestellt werden konnte. Gastmeier hält ihn für gerettet.

Die Kasse meint, er hätte ein billigeres Medikament wählen sollen, ein von dieser Kasse zahlbares. Das hätte per Infusion ins Blut gebracht werden müssen, entgegnet der Arzt: Die häufige Infusion sei in der Heimatregion des alleinerziehenden Vaters einer Tochter nicht machbar und die Dauer-Fahrerei nach Potsdam nicht zumutbar gewesen.

Als der Patient im September 2004 einen Rückfall hatte mit Gewichtsverlust und Fieberschüben, so Gastmeier, empfahlen die Onkologen im Klinikum ein Medikament: Dronabinol. Doch Gastmeier ist vom Regress bedroht; die Kasse des Krebspatienten zahlt das Medikament nicht, andere Kassen tun es. Ein zweites Mal also verordnet der Arzt dasselbe Medikament demselben Kranken nicht. rai