Umstrittene Langzeitfolgen von Cannabiskonsum
17.10.2008
kus. Cannabis ist weltweit die mit Abstand verbreitetste illegale Droge. Über praktisch alle Länder verteilt konsumieren insgesamt ungefähr 166 Millionen Menschen, fast 4 Prozent der Weltbevölkerung, das Kraut oder daraus hergestellte Produkte, wie es im Drogenbericht 2008 der Vereinten Nationen heisst. Interessant als Droge macht Cannabis das Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC). Dieser chemische Stoff wirkt in niedrigen Dosen meist entspannend und euphorisierend, verändert die Wahrnehmung und kann – selten – auch zu negativen Zuständen wie Angstattacken führen. THC verlängert zudem die Reaktionszeit und stört unter anderem Lern- und Gedächtnisprozesse. Diese und weitere akute Wirkungen des Krauts sind wohlbekannt. Sie setzen beim Rauchen von Cannabis minutenschnell ein und klingen meist nach wenigen Stunden wieder ab; wird der Stoff über die Nahrung aufgenommen, verzögert sich der Ablauf. Grundsätzlich gilt Cannabis zumindest in Bezug auf seine akuten Wirkungen als eher harmlos. Todesfälle durch Überdosen sind nicht bekannt, was THC unter anderem von Nikotin und Alkohol unterscheidet. Weniger gesicherte Erkenntnisse gibt es in Bezug auf mögliche Langzeitfolgen.
Geringe Giftwirkung
Studien zur Langzeitwirkung von Cannabis sind aus mehreren Gründen problematisch. So variiert unter anderem die Definition von «erheblichem Gebrauch» («heavy use») von Studie zu Studie gewaltig, was deren Vergleichbarkeit erschwert. Zudem ist der Konsum von Cannabis praktisch überall gesellschaftlich verpönt und damit der Wahrheitsgehalt von Aussagen zum persönlichen Drogengebrauch nicht immer verlässlich. Oft sind die Studien auch retrospektiv und von der Genauigkeit der Erinnerung der Befragten abhängig. Und langfristig angelegte Doppelblindstudien, in denen weder Versuchspersonen noch Versuchsleiter wissen, welche Probanden ein Placebo und welche den Wirkstoff enthalten, und die wohl am ehesten in der Lage wären, Klarheit zu schaffen, verbieten sich in Bezug auf Drogen aus ethischen Gründen von selbst.
Doch mittlerweile sind sich Experten immerhin weitgehend einig darüber, dass THC zumindest psychisch abhängig machen kann. Wie viele Personen dies tatsächlich betrifft, ist jedoch unklar. Laut dem klinischen Psychologen Alan Budney vom Center for Addiction Research der University of Arkansas werden etwa 9 Prozent der Cannabiskonsumenten abhängig; andere Studien zitieren niedrigere oder höhere Werte. Diese Unterschiede lägen darin, dass die Kriterien, aufgrund deren eine Sucht diagnostiziert werde, dem Diagnostizierenden viel Spielraum liessen, erklärt der Mediziner Robert Hämmig, der Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Suchtmedizin. Er selbst hält das Abhängigkeitspotenzial von Cannabis zumindest in Bezug auf die ganze Bevölkerung für nicht sehr relevant.
Budney jedoch geht davon aus, dass die Cannabisabhängigkeit keine rein psychische Angelegenheit ist. Der Psychologe vermutet auch eine körperliche Komponente. Zusammen mit Kollegen hat er ein Cannabisentzugssyndrom beschrieben. Dessen Symptome – unter anderem Reizbarkeit, Unruhe, Nervosität, Appetitlosigkeit und Schlafstörungen – entsprächen in Ausmass und Schwere einem Nikotinentzug, schreibt er. Sie setzten meist am ersten Tag ohne Cannabis ein, seien zwischen dem zweiten und sechsten Tag am stärksten und in der Regel nach 14 Tagen vorbei. Wie er in der Fachzeitschrift «Current Opinion in Psychiatry» festhält, hätten bis zu einem Drittel der regelmässigen Konsumenten schon einmal solche Entzugserscheinungen erlebt.
Trotzdem wurde Cannabis in einer im vergangenen Jahr in der medizinischen Fachzeitschrift «The Lancet» erschienenen Studie von einem Gremium aus Drogenexperten nicht nur insgesamt, sondern auch in Bezug auf sein Suchtpotenzial als weniger gefährlich eingeschätzt als die legalen Drogen Alkohol und Nikotin. Die Experten hatten zwanzig Drogen anhand bestimmter Kriterien auf ihre Gefährlichkeit hin eingestuft. Cannabis lag in der «Rangordnung» an elfter Stelle. Die ersten fünf Plätze belegten Heroin, Kokain, Barbiturate, Strassenmethadon und Alkohol, Nikotin lag an neunter Stelle.
Umstrittenes Psychoserisiko
In der Diskussion um die Langzeit- und Spätfolgen des Cannabiskonsums wird möglichen psychosozialen und psychiatrischen Folgen meist besonderes Gewicht geschenkt. Bekannt ist, dass Cannabis bei bestehenden Psychosen Krankheitsschübe auslösen und die psychotischen Symptome verschlimmern kann. Zudem wollen verschiedene Studien nachgewiesen haben, dass der Cannabiskonsum das Risiko erhöht, an einer Psychose wie einer Schizophrenie zu erkranken oder psychotische Symptome zu entwickeln. So hat etwa eine im Jahr 2007 veröffentlichte Analyse mehrerer Untersuchungen zu diesem Thema ergeben, dass Cannabiskonsumenten ein um durchschnittlich 40 Prozent erhöhtes Risiko für die Entstehung einer Psychose haben. Dies bedeute, dass das Risiko, einmal im Leben an einer Schizophrenie zu erkranken, von durchschnittlich 0,7 Prozent für Cannabiskonsumenten auf etwa 1 Prozent steige, erklärt Stanley Zammit von der University of Bristol in England, einer der Studienautoren. Die Analyse ist jedoch – ebenso wie die ihr zugrundeliegenden Untersuchungen – umstritten. So kann man in solchen Studien beispielsweise nie völlig ausschliessen, dass der Cannabiskonsum und die Psychose auf die gleichen Ursachen zurückgehen und nicht ursächlich miteinander verknüpft sind.
Doch auch wenn eine generelle Erhöhung des Psychoserisikos durch Cannabiskonsum umstritten ist, geht man doch davon aus, dass ein gewisser, verletzlicher Personenkreis empfindlich auf Cannabis reagiert. Für die psychische Gesundheit dieser Personen stellt der Cannabiskonsum tatsächlich ein Risiko dar. Was diese Gruppe jedoch definiert, ist laut Hämmig noch unklar. So gibt es beispielsweise Hinweise darauf, dass eine bestimmte Variante eines Gens Personen anfälliger dafür macht, durch Cannabiskonsum in der Pubertät ihr Psychoserisiko zu steigern. Wie wichtig die Rolle dieser Genvariante tatsächlich ist, ist allerdings unter Experten umstritten.
Zudem gibt es laut Miriam Schneider vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim (Deutschland) aus Tierversuchen mit Ratten zahlreiche Hinweise, dass die Pubertät eine Phase sein könnte, in der Heranwachsende besonders empfindlich auf Cannabis reagieren und empfänglich für bleibende neurologische Veränderungen wie etwa bestimmte kognitive Defizite sind. Hinweise auf solche Defizite in Studien an Menschen sind laut Schneider bis heute aber sehr selten und daher umstritten. Dies könnte laut der Expertin daran liegen, dass sich das Konsumverhalten in den letzten Jahrzehnten stark verändert hat. Ob der Drogenkonsum der 14-jährigen chronischen Cannabiskonsumenten, von denen es erst seit etwa zehn Jahren relativ viele gebe, langfristige Folgen habe, könne man in den bisherigen Studien noch nicht sehen, erklärt sie.
Eine in diesem Jahr publizierte Studie will eine ganz andere Gefahr für Cannabisraucher belegt haben. Richard Beasley vom Medical Research Institute of New Zealand in Wellington und sein Team untersuchten den Einfluss des Cannabisrauchens auf das Lungenkrebsrisiko. Als Vergleichsgrösse zogen sie, wie es bei solchen Studien häufig gemacht wird, «Joint-» und «Päckchen-Jahre» heran, also ein Joint pro Tag während eines Jahr contra ein Päckchen Zigaretten pro Tag während eines Jahres. Es zeigte sich, dass ein Joint-Jahr das Lungenkrebsrisiko um 8 Prozent erhöhte, ein Päckchen-Jahr dagegen «nur» um 7 Prozent, wie die Forscher in der Fachzeitschrift «European Respiratory Journal» schreiben. Dieses Ergebnis hält Donald Tashkin von der University of California in Los Angeles, der die Auswirkungen von Cannabis- und Kokainrauch auf die Lunge seit Jahren untersucht, allerdings für unglaubwürdig.
Er und seine Kollegen haben in einer deutlich mehr Probanden umfassenden Untersuchung praktisch keinen Einfluss des Cannabisrauchens auf das Lungenkrebsrisiko festgestellt (ebenso wenig wie auf die Gefahr, an Krebs der Mundhöhle, Speise- oder Luftröhre oder des Kehlkopfs zu erkranken). Die neuseeländische Studie, kritisiert er, habe unter anderem zu wenig starke Cannabisraucher in der Kontrollgruppe gehabt, um statistisch aussagekräftig zu sein. Zudem habe sich nur bei Cannabisrauchern mit einer Exposition von über 10,5 Joint-Jahren eine deutliche Assoziation mit dem Lungenkrebsrisiko gezeigt. Hieraus eine lineare Risikoerhöhung abzuleiten, sei fragwürdig.
Gefahr für die Lunge
Tashkin fand zwar heraus, dass beim Rauchen eines Joints bis zu viermal mehr Teer in der Lunge abgelagert wird als beim Rauchen einer Zigarette und dass Cannabisraucher vermehrt an chronischer und akuter Bronchitis leiden. Zudem zeigten deren grosse Atemwege in seinen Studien Anzeichen für Entzündungen und wiesen abnorme Zellen in der Schleimhaut auf. Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für eine andere Raucherkrankheit, die chronisch-obstruktive Lungenkrankheit (COPD, «Raucherlunge»), habe er jedoch keine gefunden, sagt der Forscher. Ein möglicher Grund hierfür sei, erklärt er, dass THC die Funktion bestimmter Immunzellen in den Lungenbläschen beeinträchtige, die für die Entstehung von Entzündungen wichtig seien. Diese Beeinträchtigung könnte zu weniger Entzündungsprozessen in der Lunge führen. Der COPD jedoch liege eine chronische Entzündung zugrunde.
Das Risiko für opportunistische Infektionen scheine das Rauchen von Cannabis trotz der möglichen Beeinträchtigung der Immunzellen nicht zu erhöhen, sagt er. Dass sich die geschädigten Schleimhautzellen von Cannabisrauchern nicht zu Krebszellen weiterentwickeln, könnte nach Ansicht von Tashkin auf weitere THC-Wirkungen zurückgehen. So beschleunige der Stoff unter anderem den «Selbstmord» geschädigter (und damit potenzieller Krebs-)Zellen, wirke der Neubildung von Blutgefässen (die für das Tumorwachstum wichtig sind) entgegen und hemme die Wucherung von Krebszellen.