Unterschiedliche Maßstäbe
Die Drogenpolitik wird nach wie vor vom Paradigma der Eindämmung bestimmt. Auf welche Stoffe die Verbotspolitik abzielt, hängt dabei stets mit einer Frage zusammen: Cui bono?
Von Tom Strohschneider
Wenn alles glatt geht, werden in zwei Jahren alle Drogenpolitiker arbeitslos. Jedenfalls wenn es nach der Commission on Narcotic Drugs der Vereinten Nationen geht, die 1998 eine »drogenfreie Welt« bis zum Jahr 2008 versprach. Wahrscheinlich ist jedoch, dass es für die Drogenpolitiker auch nach Ablauf der Frist jede Menge zu tun gibt. Weil es weiter Drogen geben wird - und weil die Drogenpolitik noch ganz andere Zwecke erfüllt, nämlich mit Drogen Politik zu machen. Was nicht zuletzt damit zusammenhängt, was Drogen alles sein können - außer Genussmittel, Medikament und Suchtstoff. »Drogen sind Zahlungsmittel im Netzwerk der organisierten Kriminalität«, schreibt nicht nur der Soziologe Günter Amendt und verweist auf einen weltweiten Markt, auf dem pro Jahr rund 400 Milliarden Dollar mit dem Handel illegaler Drogen umgesetzt werden - 1998 waren das etwa acht Prozent des gesamten Welthandels. Profitiert wird dabei vor allem von der Tatsache, dass die Drogen illegal sind: Die Herstellung eines Gramms reinen Heroins kostet ungefähr drei Euro. Auf dem »freien« Markt würde die selbe Menge reinen Stoffs etwa 500 Euro kosten - wenn man sie denn dort fände.
Drogen sind, so der Sozialhistoriker Jakob Tanner, aber auch »Druckmittel zur Durchsetzung autoritärer ›law and order‹- Strategien«. Mit dem Reden über das Thema Drogen verständigen sich Gesellschaften nämlich auch darüber, was als gut und normal bzw. als böse und krank gilt. Alkohol gilt als in Maßen genossen selbst den konservativsten Verfechtern einer Prohibitionspolitik als unbedenklich und zudem als wichtiger Bestandteil der Kultur. Dies ist Cannabiskonsum bei Jüngeren längst ebenso, doch gelten für den Joint ganz andere Maßstäbe.
Politiker, die andauernd ein Ende staatlicher Regelungswut und, etwa bei der Finanzierung von Gesundheitsleistungen, mehr Eigenverantwortung des Einzelnen fordern, halten bei ausgewählten Drogen das genaue Gegenteil für richtig. Ähnliches lässt sich bei Stoffen beobachten, die Einfluss auf Leistungsfähigkeit und Motivation haben: Rund 30 Millionen Menschen in den USA nehmen stimmungsaufhellende Präparate wie Prozac, was weitgehend akzeptiert wird. Als Anfang des 20. Jahrhunderts die stimulierende Wirkung des Medikaments Heroin populär wurde, galt der Stoff bald als Droge und wurde fortan dämonisiert. Zuvor noch war man gegen alle Kritiker der abhängig machenden Wirkung vorgegangen. Ein Umdenken fordert deshalb der Suchtforscher Michael Krausz. Statt Sucht zum »Gegenstadt ideologischer Borniertheit zu machen«, müsse im Sinne Abhängiger akzeptiert werden, dass »der Konsum psychotroper Substanzen seit Jahrtausenden« in unserer Kultur verwurzelt ist. Stigmatisierung und Ausgrenzung, auch juristisch, helfe niemandem - am wenigsten jenen Konsumenten, die mit ihrer Abhängigkeit nicht zurechtkommen.
Hilfe im Netz
Im Internet widmen sich heutzutage abertausende Seiten dem Thema Drogen. Die Angebote reichen dabei von Informationen für Präventions- und Therapie-Experten (www.prevnet.de) über Projekte, die sich vor allem der Aufklärung junger Konsumenten verschrieben haben bis hin zu Seiten, die sich explizit für diverse drogenpolitische Ziele einsetzen (www.cannabislegal.de).
Von drogenpolitischen Standpunkten hängt oft auch der Tenor des Beratungsangebotes ab. Die mit staatlicher Rückendeckung gestartete Kampagne »Keine Macht den Drogen« (www.kmdd.de) setzt zwar nach eigenen Angaben »nicht auf Abschreckung« und will »positive Lebensprojekte aufzeigen«. Aussagen wie jene, dass Drogen »am Ende ... immer der Spaß- und Spielverderber« seien, gehen allerdings an den Konsumerfahrungen vieler Jugendlicher vorbei. Zudem ist die Kampagne, die oft im Zusammenhang mit Aktiven aus dem Leistungssport auftritt, durch das dort weit verbreitete Doping diskreditiert.
Ganz anders versucht das Projekt www.drugcom.de die »selbstkritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Konsumverhalten zu fördern« - nämlich mit Information und Beratung. Hinweise über diverse Drogen, Gefahren und Therapiealternativen werden von einem Team junger Fachleuten bearbeitet - was die Glaubwürdigkeit der von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung betriebenen Seite ebenso steigert wie der kritische Umgang mit manchem Vorurteil der drogenpolitischen Debatte.
Deren Verlauf lässt sich auf Seiten www.drogenpolitik.org verfolgen, die aber oft auch einen recht eindeutigen Standpunkt beziehen. In diesem Fall wird für »eine humane und gerechte Drogenpolitik« geworben, die Entkriminalisierung der Drogenkonsumenten gefordert und langfristig für eine »kulturelle und soziale Integration des kontrollierten Drogengebrauchs« plädiert. (tos)