Zwischen Tomaten und Gurken

2002/07/20 - Bieler Tagblatt

Das Tessiner Parlament hat den Anbau und den Verkauf von Hanf reglementiert. Gegen die strenge Gesetzgebung regt sich Widerstand. Die Partei "Indipenti Insubrici" hat das Referendum lanciert.

Im Gewächshaus von Gemüsebauer J.B. wuchern die Tomatenstauden bis unters Dach. Hinter den Glaswänden reifen dicke rote Früchte heran. Im Gewächshaus nebenan wächst Hanf. Die hüfthohen Pflanzen benutzt der Tessiner Gemüseproduzent um Setzlinge zu ziehen. "Das sind unsere Mutterpflanzen", sagt er stolz.

Ein idealer Ausgleich
J.B. hat dieses Jahr zum ersten mal Cannabis angepflanzt. Bisher wuchsen in seinen Gewächshäusern Tomaten, Gurken und Auberginen. Als einige seiner Nachbarn mit Hanf begannen, wurde er neugierig. «Für uns mit integrierter Produktion ist diese Pflanze der ideale Ausgleich», erklärt er. Wo letztes Jahr Tomaten wuchsen, reihen sich dieses Jahr die lichthungrigen Cannabispflanzen. Das entlaste den Boden, denn der Hanf entziehe ihm andere Stoffe, als die Gurken und Tomaten. "Dann wachsen diese im nächsten Jahr auch wieder besser".

Strenge Auflagen
Während aber in den Gewächshäusern die Cannabispflänzlein zu Beginn des Sommers eifrig in die Höhe schossen, verabschiedete der Tessiner Grosse Rat ein Gesetz, das Anbau und Verkauf von Hanf und Hanfprodukten regelt.
Wer im Tessin künftig Hanf anbauen will, muss dies dem Kanton melden. Cannabis für die Produktion von Marihuana ist nicht erlaubt. Die Polizei kann die Blüten bei Verdacht beschlagnahmen. Die Hanfbauern müssen zudem angeben, wohin die Pflanzen abgesetzt werden.
Der Widerstand der Linken gegen diese restriktive Regelung verhallte im Parlament ungehört. Jetzt, da der Bund die Legalisierung von Cannabis eingeleitet habe, sei es absurd im Tessin ein restriktives Gesetz zu erlassen. Der Grosse Rat ging auf diese Kritik nicht ein und nahm es deutlich an.
Auch der Verkauf wurde damit geregelt. Einen Hanfladen darf im Tessin nur noch eröffnen, wer einen blanken Strafregisterauszug vorweisen kann. Absurd auch dies, fand Arzt und Grossrat Werner Nussbaumer und lancierte mit seiner Partei "Indipendenti Insubrici" das Referendum. Das Gesetz verstosse gegen die Handelsfreiheit, findet er. Zudem sei es ein Schnellschuss, innert wenigen Monaten, ohne jegliche Konsultation der Betroffenen, aus dem Boden gestampft. Kurz - ein typisches Gesetz vor einem Wahljahr, das der Sache nicht dienlich sei. Bis Mitte August müssen die Referendisten nun 7000 Unterschriften sammeln.
"Wir haben im Tessin 40 000 Marihuanakonsumenten", gibt sich Nussbaumer zuversichtlich. Würde sich dieses Gesetz durchsetzen, so breite sich wieder der Schwarzmarkt aus. So sei das Geschäft immerhin in der Hand der Tessiner. In den vergangenen vier Jahren ist die Zahl der Hanfläden im Tessin sprunghaft angestiegen. War 1998 noch von 16 Canapai die Rede, sind es inzwischen rund 60. Vor allem im Südtessin in Grenznähe schiessen die Läden wie Pilze aus dem Boden. Italien garantiert mit einer weit restriktiveren Gesetzgebung für die Kundschaft. Die italienischen Kiffer setzen sich für ein Säckchen Gras auch mehrere Stunden hinters Steuer.

Die Alternative
"Cannabis ist ein Produkt, das zieht", sagt auch der Gemüsebauer aus der Magadinoebene. 30 bis 40 Franken werde von den Abnehmern für die grüne Pflanze bezahlt, habe er gehört. Hanf wäre deshalb für die Tessiner Gemüsebauern eigentlich die ideale Ergänzung. "Mit den Tomaten haben wir immer wieder Absatzschwierigkeiten", sagt J.B. Unter anderem, weil die Lieferfristen wegen den Verkehrsproblemen am Gotthard nicht eingehalten werden können.
Aber obwohl die Tessiner Gemüsebauern inzwischen einige Hektaren Hanf anpflanzen, sei immer noch Widerstand zu spüren. Man werde gerne mit Drogenhändlern in denselben Topf geworfen. "Cannabis ist eine wunderschöne Pflanze", schwärmt der Gärtner. Er beschäftige sich erst seit einigen Monaten damit und habe noch nie Marihuana geraucht, aber die Arbeit mit dieser Pflanze sei anregend: "Eine Abwechslung zu Tomaten und Gurken!"