2004/02/19 - BZ-Thema

Gregor Poletti

Die heutige Situation ist unbefriedigend: Der Cannabiskonsum bei Jugendlichen steigt, der Schwarzmarkt floriert, und viele Eltern sind verunsichert. Eine umstrittene Gesetzesrevision will Abhilfe schaffen.

Der Cannabiskonsum ist vor allem ein Jugendproblem. Gut ein Drittel der Jugendlichen zwischen 16 und 20 Jahren hat laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) schon einmal gekifft, acht Prozent der über 16-Jährigen tut es gar täglich. Dies mit zum Teil gravierenden Folgen: Schulen bekunden zunehmend Probleme mit weggedröhnten Schülerinnen und Schülern, die Leistungen lassen nach. Viele Eltern fürchten um die Zukunft ihrer Kinder, sei es, weil sie die Ausbildung verpatzen oder schlimmstenfalls in der Gosse landen könnten.

Vergiftetes Klima
Die Politik schlägt sich seit mehreren Jahren damit herum, wie dieser Missstand behoben werden könnte. Keine leichte Aufgabe, denn das Klima in der Drogendiskussion ist vergiftet. Man könnte es auf den Nenner bringen, dass die eine Seite lange die Gefährlichkeit von Cannabis verharmlost, während die andere Seite nur Ängste geschürt hat. Noch heute ist der Ton vor allem der Gegner einer Entkriminalisierung des Cannabiskonsums ziemlich rüde. So macht Sabina Geissbühler, Präsidentin des Vereins Eltern gegen Drogen (EGD), der "Drogenhanflobby" massive Vorwürfe: "Ob die kiffenden Jugendlichen als Folge ihres Drogenhanfkonsums in der Schule oder der Lehrstelle in Schwierigkeiten geraten, scheint die Drogenhanflobby nicht zu kümmern. Hauptsache ist, dass der Rubel rollt". Für François Reusser, Präsident der Schweizer Hanfkoordination (SHK), ist dies ein billiger Vorwurf: "Wir haben doch nichts davon, wenn ein 14-Jähriger in der Schule kifft". Im Gegenteil, die Hanfkoordination habe alles Interesse daran, dass der Stoff nicht mehr frei zugänglich sei.

Unterschiedliche Rezepte
Zwei völlig konträre Rezepte stehen im Raum, wie der Cannabiskonsum in den Griff zu bekommen sei. Vereine wie der EGD und eine Vielzahl bürgerlicher Politiker plädieren für eine repressive Gangart. Besonders verpönt ist eine Liberalisierung in der Romandie. Für den Waadtländer Nationalrat Claude Ruey (Liberale) gibt es beispielsweise keine unschuldigen Drogen: "Entkriminalisieren heisst den Konsum propagieren".

Auf der anderen Seite steht die vom Bundesrat eingeleitete Revision des Betäubungsmittelgesetzes, die bereits ein unwürdiges parlamentarisches Trauerspiel hinter sich hat. Die Revision will den Cannabiskonsum zwar entkriminalisieren - aber unter strengen Auflagen. Produktion, Handel und Verkauf sollen straff kontrolliert und ein Verkaufsverbot für unter 18-Jährige erlassen werden. Der Ständerat beschloss vor über zwei Jahren, diesem Vorschlag weitgehend zu folgen. Damals war die Diskussion noch sachlich. Doch daraufhin machte die Gegnerschaft mobil und sorgte für ein massives Lobbying gegen die Revision. Mit Erfolg: Vor allem Nationalräte der CVP und FDP liessen sich verunsichern und sorgten dafür, dass dieser unbequeme Entscheid so lange hinausgeschoben wurde, bis die Wahlen vor der Tür standen. Aus Angst, ihre Wählerschaft zu vergraulen, halfen viele CVP- und FDP-Politiker mit, erst gar nicht auf das Geschäft einzutreten.

Ein neuer Anlauf
Inzwischen hat sich die Nervosität wieder etwas gelegt, und der Ständerat nimmt kommende Woche einen weiteren Anlauf, den Cannabiskonsum zu regulieren. Und die Chancen stehen gut, dass die kleine Kammer ihre Zustimmung erneuert. Denn die vorberatende Kommission hat ein klares Signal gesetzt: Mit acht zu einer Stimme bei Enthaltungen empfiehlt sie, auf das Geschäft einzutreten. Präventivmediziner und FDP-Nationalrat Felix Gutzwiller (ZH) ist überzeugt, dass der Nationalrat seinen Entscheid revidieren könnte: "Damit steigen die Chancen, dass wir in der Drogenpolitik doch noch einen Schritt weiterkommen".
CVP-Fraktionspräsident Jean-Michel Cina pflichtet bei: "Das steigert sicher die Chancen für eine Zustimmung auch im Nationalrat". Dieser wird nach einem allfälligen Ja aus dem Ständerat frühestens in der Sommersession dieses heikle Geschäft behandeln.
BZ-Schweiz, 28. Februar 2004

Psychoaktiv
Cannabis enthält rund 420 Inhaltsstoffe, darunter 60 Cannabinoide. Psychoaktiver Hauptwirkstoff ist Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC). Die THC-Konzentration variiert sehr stark je nach Sorte und Pflanzenteil: Mariuhana (0,5 bis 7 Prozent), Haschisch (2 bis 10 Prozent) und Haschischöl (10 bis 30 Prozent). Die psychoaktive Wirkung dauert zwei bis vier Stunden und tritt beim Rauchen schneller ein als beim Essen. Cannabiswirkungen können mehr oder weniger intensiv sein sowie als angenehm oder auch unangenehm empfunden werden. Die Wirkungen gehen von verändertem Wachbewusstsein, Rede- und Lachdrang, Euphorie und Enthemmung bis hin zu Gleichgültigkeit und Abwendung von der Umwelt. Im schlimmsten Fall kann es zu Desorientierung, Verwirrtheit, Angst, Panik und Wahn führen. Es ist allerdings kein Fall bekannt, der auch nach exzessivster Einnahme von Cannabis zum Tode geführt hätte.
BZ-Schweiz, 28. Februar 2004

Alles andere als harmlos
Es gibt eine fast nicht mehr überblickbare Anzahl von mehr oder weniger seriösen Untersuchungen zu den Gefahren des Cannabiskonsums. So gibt es beispielsweise weltweit rund 4000 Studien allein zum Thema Cannabis und Schizophrenie. Um eine wissenschaftlich klar abgestützte Beurteilung des psychiatrisch relevanten Gefahrenpotentials vorzunehmen ist es indes immer noch zu früh.

Ganz allgemein kann jedoch gesagt werden, dass nicht übermässiger Cannabiskonsum für einen psychisch nicht vorbelasteten Menschen wenig gefährlich ist. So belegt eine äusserst umfassende Studie aus dem wenig drogenfreundlichen Amerika, dass der Gebrauch von Cannabis die Hirnfunktion nicht dauerhaft schädigt, ganz im Gegensatz zu anderen illegalen Drogen und auch Alkohol.

Ganz anders sieht die Situation jedoch aus, wenn jemand mit psychotischer oder schizophrener Veranlagung zu dieser Droge greift. Es gilt als gesichert, dass Cannabiskonsum etwa den Verlauf einer bereits ausgebildeten Psychose verschlechtert. Zudem scheint es, dass ein frühes Einstiegsalter und langandauernder Konsum von Cannabis das Psychoserisiko zu erhöhen scheinen. Besonders gefährlich gilt THC für Menschen mit einem erhöhten Risiko einer schizophrenen Störung - wenn beispielsweise Schizophrenie-Erkrankungen in der näheren Verwandschaft gehäuft auftreten.

Während die körperliche Abhängigkeit von Cannabis als äusserst gering eingestuft werden kann, ist die psychische Abhängigkeit nicht zu unterschätzen. Vor allem wenn aus problembedingten Umständen zu dieser Droge gegriffen wird, kann der Ausstieg schwierig sein. Cannabis ist jedoch keine Einstiegsdroge und führt nicht zwangsweise zum Konsum von härteren Drogen. Es besteht allerdings die Gefahr, dass durch diese Drogenerfahrung die Berührungsängste gegenüber dem Probieren anderer Drogen geringer werden.
BZ-Schweiz, 28. Februar 2004

Alter Rohstoff
Hanf wurde schon vor 10000 Jahren angebaut. Bis Anfang des letzten Jahrhunderts war Hanf als Genussmittel und Rohstoff in den meisten westlichen Ländern legal erhältlich und anbaubar. Vor der Entdeckung des Nylons war Hanf sogar die meistgenutzte Faser weltweit. Dient der Hanf nicht der Betäubungsmittelgewinnung (THC-Gehalt unter 0,3 Prozent), ist der Anbau in der Schweiz erlaubt. Die Verwendbarkeit von Hanf ist riesig: von der Kosmetik über Baustoffmaterialien, Textilien bis hin zur Energiegewinnung aus Biomasse. Einen besonderen Aufschwung erlebt die Pflanze in der medizinischen Anwendung. Immer mehr Ärzte verschreiben Cannabis zur Therapie bei Multipler Sklerose, grünem Star sowie während Chemotherapien bei Krebs und Aids. THC hilft gegen Appetitlosigkeit, Übelkeit, Schmerzen und Muskelkrämpfen. Noch ist in der Schweiz jedoch kein Cannabis-Medikament von den Gesundheitsbehörden zugelassen.
BZ-Schweiz, 28. Februar 2004

Die Ursache sind soziale Probleme Alkohol-, Tabak- und Cannabiskonsum geht bei Jugendlichen meist mit psychologischen, sozialen und familiären Problemen einher. Eine Betreuung muss deshalb früh und in globalem Rahmen einsetzen.

Forscher haben während dreier Jahre 102 Jugendliche im Alter von 14 bis 19 Jahren untersucht, die regelmässig psychoaktive Substanzen - vor allem Cannabis - konsumieren. Gestern hat der psychiatrische Dienst für Kinder und Jugendliche der Universität Lausanne (Supea) die vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) finanzierte Studie vorgestellt. "Die regelmässigen Konsumenten machen rund zehn Prozent der Jugendlichen in der Schweiz aus", erklärte Leiterin Monique Bolognini.

Zwei Drittel der befragten Jugendlichen konsumieren täglich Cannabis. Alkohol wird vor allem am Wochenende getrunken. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen, die Zigaretten rauchen, tut dies in grosser Menge: 10 bis 20 Zigaretten pro Tag. Beim Tabak setzt der Konsum bereits im Alter von 13 Jahren ein. Alkohol wird ab 14 bis 15 Jahren getrunken. Der Cannabiskonsum folgt später.

Nach der Studie weisen Jugendliche mit moderatem Konsum weniger psychologische, soziale, familiäre oder gesetzliche Probleme auf. Umgekehrt sind Jugendliche mit intensivem oder steigendem Konsum mit grösseren Problemen konfrontiert: Ihre Situation verschlechtert sich in allen Bereichen.

"Konsumation und Probleme entwickeln sich parallel", betont die Psychologin Léonie Chinet, die an der Studie mitgearbeitet hat. Es gebe keine Hinweise auf ein Verhältnis von Ursache und Wirkung zwischen beiden Bereichen. Aber im Jugendalter geht ein starker Konsum psychoaktiver Substanzen klar mit psychischen Leiden einher.

Die Studie "Substanzkonsum im Jugendalter" kann bestellt werden unter www.infoset.ch.