Am 23. Juli haben sich 15 Berner Stadträtinnen und Stadträte im "Bund" öffentlich dazu bekannt, zu kiffen. Die Aktion der Politiker war eine Reaktion darauf, dass zwei Leserbriefschreiber, die ebenfalls im "Bund" offen von ihrem Hanfkonsum schrieben, angezeigt und gebüsst worden waren.
Während einzelne Stadträte witzelnd erklärten, sie kifften "immer nach dem Zähneputzen", standen andere unmissverständlich dazu, trotz Verbot regelmässig Cannabis zu rauchen. Ungeachtet dessen, ob die Bekenntnisse ernst gemeint oder ironisch waren, wurden die Parlamentarierinnen und Parlamentarier dieser Tage von der Stadtpolizei Bern kontaktiert: Ein Beamter habe angerufen und gefragt, ob ihre Zitate im "Bund" korrekt wiedergegeben worden seien, erzählt Catherine Weber (gb), die "sonntags immer" kifft. Der Polizist habe sie darüber aufgeklärt, dass sie telefonisch Auskunft geben könne, von dem Gespräch dann eine Aktennotiz erstellt werde, die sodann als Grundlage für eine allfällige Anzeige diene. Andernfalls erhalte sie eine Vorladung zu einer Befragung im Polizeistützpunkt. "Ich will selbstverständlich eine Vorladung, so etwas mache ich nicht am Telefon", erklärt Weber dazu. Auch ihre Parteikollegin Martina Dvoracek, die "an Weihnachten" zum Joint greift, will sich vorladen lassen.
"Letztmals am Gurtenfestival" Weber stellt lapidar fest, dass die Strafverfolger "sehr konsequent vorgehen" und "dass sie offenbar Zeit haben". Dies wundere sie etwas, habe der Gemeinderat doch noch vor zwei Jahren im Stadtrat auf einen entsprechenden Vorstoss erklärt, für die Polizei habe die Bekämpfung des Cannabiskonsums aufgrund der angespannten Personalsituation im Korps einen relativ geringen Stellenwert. Und ausserdem gebe es gemäss Betäubungsmittelgesetz die Möglichkeit, in "leichten Fällen" des Konsums leichter Drogen auf die Strafverfolgung zu verzichten: "Ich finde es nach wie vor eine Zumutung, dass die Leserbriefschreiber gebüsst wurden", so Weber.
Jungsozialist Christian Michel, er konsumiert "ab und zu, dann aber mit Genuss", hat auf die Vorladung verzichtet und telefonisch "kurz und schmerzlos" dem Ermittler Red und Antwort gestanden. Zwei oder drei Mal habe er in den letzten drei Jahren gekifft, das habe er dem Polizisten gesagt. Darauf habe ihn dieser auf die Verjährung von einem Jahr hingewiesen. Weil aber Michel "letztmals am Gurtenfestival" gekifft hat, wie er freimütig zu Protokoll gab, werde er voraussichtlich gebüsst. "Damit habe ich aber gerechnet."
Unisono berichten die befragten Stadtratsmitglieder, der Polizist sei "sehr freundlich" gewesen. Michel hat gar den Eindruck gewonnen, dem Mann sei sein Auftrag "ziemlich unangenehm" gewesen, er habe durchblicken lassen, dass er lieber wichtigere Fälle verfolgen würde. Die Stadtpolizei hat für heute eine Stellungnahme in Aussicht gestellt.