2004/08/19 - BERNER ZEITUNG

Die Gewerbeschule Thun hat auf ihrem Areal ein Verbot fürs Kiffen erlassen. Uneinsichtige können weggewiesen werden. Auch andere Thuner Schulen gehen das Problem an. Der Gemeinderat reagiert ebenfalls.

Auf das neue Schuljahr hin hat die Gewerblich Industrielle Berufsschule Thun (GIB) das Kiffen auf ihrem Areal verboten. Etwas Verbotenes verbieten - ein Irrsinn? Mitnichten. "Einzelfälle und die alarmierenden Zahlen der Stadt haben uns aufgeschreckt", gibt GIB-Direktor Hansrudolf Gerber zu Protokoll. Fehlbare Schüler können in Zukunft nach einer Verwarnung und der Orientierung des Lehrbetriebes sogar weggewiesen werden. Gerber kann nach der ersten Schulwoche noch keine Bilanz ziehen, was die Wirkung bei und die Reaktion von den Schülern betrifft. "Von den Lehrmeistern, die auch informiert wurden, haben wir aber ausschliesslich positive Rückmeldungen erhalten", freut er sich. Die Einsteiger werden immer jünger. Die Stadt Thun hat den Handlungsbedarf erkannt, und der Gemeinderat hat sich der Thematik angenommen. Doch wie sieht es an den einzelnen Schulen aus? Ist das Problem wirklich so akut? Und was können Betroffene tun?
Philipp Weber von der Koordinationsstelle für Gesundheits- und Suchtfragen der Stadt Thun findet die Massnahme der GIB "total gut". "Eine Schule sollte ihre Lehrer mit dem Problem nicht alleine lassen und für den Ernstfall klare Leitlinien ausarbeiten. Den Schülern müssen die möglichen Konsequenzen klar sein". Gemäss Weber hat dank Repression die Zahl der Hanfläden spürbar abgenommen. "Wir haben aber beobachtet, dass dies die Kiffer auch in die Hände von Drogensüchtigen und Dealern treibt. Für mich ist ganz klar: Es braucht eine Entkriminalisierung und ein wirklich wirksames Schutzalter".

Eingriff in die Privatsphäre?
"Einen Eingriff in die Privatsphäre und die Freizeit unserer Schülerinnen und Schüler massen wir uns nicht an", erklärt Hans Ulrich Ruchti, Rektor vom Gymnasium Thun-Schadau. Schüler unter Drogeneinfluss würden im Unterricht aber nicht geduldet. Das Konsumverbot auf dem Areal ist ohnehin mit wenigen Schritten einfach zu umgehen. Ruchti stellte im letzten Jahr eine klare Besserung fest. Wichtig ist für ihn, dass das Kollegium in dieser Frage geschlossen ist und hinschaut. "Im letzten Jahr musste ich etwa ein halbes Dutzend Verwarnungen vornehmen", berichtet er.

Bei den anderen Schulhäusern tönt es ähnlich:
Konsumation auf dem Areal oder deren Auswirkungen im Unterricht sind verboten. Bei einem Verstoss wird das Gespräch mit den Betroffenen und den Eltern gesucht. Verhindern oder wegdiskutieren lasse sich das Problem nicht, es sei aber auch nicht übermächtig.

Auf und ab im Wellental
Wie sieht es an den Volksschulen aus? "Bei 270 Schülerinnen und Schülern haben wir Kenntnis von etwa 10 bis 15 Konsumenten, die uns schon bekifft aufgefallen sind. Das Cannabisproblem verläuft wellenförmig. Momentan befinden wir uns glücklicherweise in einem Wellental", sagt Karin Pauchard, Schulleiterin der Oberstufenschule Länggasse.
Ähnlich tönt es an der Progymatte: "Wegen des Kiffens, aber auch wegen Vandalismus und des Rauchens haben wir seit diesem Schuljahr die Pausenaufsicht aufgestockt. Jemanden in flagranti zu erwischen, ist jedoch sehr schwierig. Die Kiffer wechseln ihren Standort ständig. Zudem sind es immer die gleichen paar, die uns auffallen. Alles in allem kein gewaltiges Problem", resümiert Schulleiter Ulrich Christen.

Schon im Kindergarten?
Ab wann beginnt Kiffen in den Schulen zum Thema zu werden? Ignaz Schmucki vom Schulhaus Pestalozzi (1.-6. Klasse) berichtet: "Bis jetzt musste ich noch nie intervenieren. Das Problem ist wahrscheinlich eine Begleiterscheinung der Pubertät, die mit dem Übertritt in die Sekundarstufe beginnt. Die Suchtprophylaxe wird in der 5. und 6. Klasse aber schon thematisiert." Aktuelle Zahlen: Mehr Kiffer, immer jünger Die Zahl der Kiffer nimmt zu, ihr Einstiegsalter ab. Eine Befragung der Fachstelle für Alkoholprobleme ergab, dass bei den 15- bis 19-jährigen Jugendlichen 6,5 Prozent täglich und weitere 5 Prozent wöchentlich kiffen. In Thun kiffen laut der Stadt über 3000 Personen.
Die Beratungsstelle Contact hat im Jahr 2003 in Thun 173 Personen betreffend Cannabis beraten. Davon waren 37 jünger als 16-jährig. Das Durchschnittsalter beim Erstkonsum liegt bei 15 Jahren.
Die Zahl der Haschischerfahrenen ist seit 1993 um 10 Prozent gestiegen und das durchschnittliche Einstiegsalter hat gleichzeitig um ein Jahr abgenommen. Die Wahrscheinlichkeit, zu kiffen, ist bei Zigarettenrauchern signifikant höher als bei Nichtrauchern (38 gegenüber 2 Prozent).

Contact Thun: Ratschläge vom Fachmann
Kurt Berger vom Contact rät: "Erwachsene sollten das Gespräch mit gefährdeten Jugendlichen suchen". Es lohne sich, sich frühzeitig bei einer Beratungsstelle für ein Beratungs- oder Informationsgespräch anzumelden. Die Fachleute vom Contact unterstünden der Schweigepflicht. Weil Jugendliche am ehesten unter Gleichaltrigen in Kontakt mit Cannabis kämen, hat die Beratungsstelle ein spezifisches Angebot ausgearbeitet: eine Gesprächsgruppe ausschliesslich jugendlicher Kiffer. "Die Erfolgsquote ist sehr hoch, zudem wirkt die Mundpropaganda besser als jeder Flyer oder Hinweis von einem Erwachsenen", resümiert Berger. Jugend-, Eltern- und Suchtberatungsstelle Contact Thun, Scheibenstr. 3, 3600 Thun, Tel. 033/225.21.21.

Kiffer-Plakate: Stadt lanciert Kampagne
Ab nächster Woche will der Thuner Gemeinderat Eltern und Betreuer für das Problem des immer tieferen Einstiegsalters von Kiffern sensibilisieren. Unter dem Titel "Kiffen schon mit 12? - Wir schauen nicht weg!" wird eine lokale Plakatkampagne lanciert. Wir werden nächsten Mittwoch ausführlicher darüber berichten.