Sie können mich einsperren, aber ich werde weiter Cannabis rauchen - es ist das Einzige, was mir hilft. Michael Große ist von der Anklagebank aufgesprungen. Er steht vor dem Amtsgericht Berlin-Tiergarten, weil die Polizei in seiner Wohnung gut 300 Gramm Marihuana gefunden hat. Der 42-Jährige leidet an Morbus Crohn, einer unheilbaren Darmentzündung. 15 Jahre lang quält er sich mit Abszessen und schwersten Krämpfen - bis er 1996 einen Joint raucht. "Auf einmal hörten die Krämpfe auf, und ich schlief zum ersten Mal seit Monaten durch", berichtet der schmale Mann dem Richter. Dass der Wirkstoff THC im Rauch der Hanfblätter bei ihm krampflösend wirkt, attestiert ihm auch sein Hausarzt: "Michael Große nimmt Cannabis eindeutig als Therapeutikum" und sei dank des Krauts "nahezu symptomfrei".
Wie Michael Große behandeln sich Tausende von Kranken in Deutschland heimlich mit Cannabis, schätzt Franjo Grotenhermen, Arzt und Vorsitzender der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Cannabis als Medizin (IACM) mit Sitz in Köln. Ärzten ist die Heilkraft der Hanfpflanze schon lange bekannt. Chinesen setzten sie bereits vor Jahrtausenden als Therapeutikum ein. Im deutschen Mittelalter empfahl Hildegard von Bingen das Maulbeergewächs gegen Kopfschmerzen. Ende des 19. Jahrhunderts fanden die gefiederten Blätter den Weg in die Apotheken. Es gab "Indische Zigarren" gegen Asthma und "Haschisch-Tinkturen" gegen Hühneraugen. Noch bis in die 30er Jahre verkaufte man Cannabis-Präparate als Mittel gegen Migräne und Übelkeit.
"Die Diffamierung als Mörderkraut, das süchtig und impotent machen soll, begann erst in den 50er Jahren", sagt Martin Schnelle vom Europäischen Institut für onkologische und immunologische Forschung in Berlin. Der Arzt erprobt seit 1999 an 445 Krebspatienten, wie gut die alte Heilpflanze in der modernen Medizin wirkt. Im Doppelblind-Test beobachtet sein Team zudem, ob der Stoff gegen Übelkeit und Appetitlosigkeit hilft: "Wir wollen mit Fakten untermauern, was die Erfahrung zeigt: dass Marihuana mehr nutzt als schadet".
"Die einzige Nebenwirkung von Cannabis ist die Illegalität, behauptet Ulrich Martin. Bis 1999 hat der 52-Jährige als Grundschullehrer im hessischen Alsfeld gearbeitet. Dann zwang ihn die Multiple Sklerose in den Rollstuhl. "Ich rauche täglich, und wenn mir das zugestanden würde, wäre alles perfekt", sagt Martin, der seit Mitte der 80er Jahre von schweren Spastiken in den Beinen gequält wurde. "Aus Verzweiflung" rauchte er damals eine Pfeife mit dem Kraut, dass er noch aus Studentenzeiten kannte - und staunte: "Mein Zustand wurde wesentlich besser". Seine Frau Ulrike konnte sich erst nicht mit der alternativen Behandlungsmethode anfreunden. Bis sie merkte, dass das Kraut wirklich hilft: "Uli ist mit Cannabis viel beweglicher". Heute hat sich die Familie mit Vaters Pfeifchen arrangiert. Doch ein schlechtes Gefühl bleibt. "500 Euro muss ich im Monat für meine Medizin ausgeben", sagt Martin. "Und besonders unangenehm ist es, Freunde bitten zu müssen, sie mir auf illegalem Weg zu besorgen".
SCHON 1997 bestätigten der Gesundheitsforscher Prof. Dieter Kleiber und der Pharmakologe Prof. Karl-Artur Kovar, dass die den Brechreiz verhindernde Wirkung von Cannabis "gut belegt", der versuchsweise Einsatz bei Krebs- und Aids-patienten "zu befürworten" und eine "durchaus sinnvolle Behandlungsalternative" sei. Dem Appell des Petitionsausschusses des Bundestages an die Regierung, Cannabis für Patienten zu legalisieren, folgten dennoch keine Taten. Allein der Cannabis-Wirkstoff Dronabinol darf seit 1998 in Deutschland verschrieben werden - doch was nützt das, wenn die meisten Krankenkassen sich weigern, die Kosten von bis zu 1300 Euro monatlich für das THC-Präparat zu übernehmen?
"Ich würde liebend gern auf Dronabinol umsteigen", sagt Michael Fischer. 1986 erlitt der damals gerade 21-Jährige seinen ersten Multiple-Sklerose-Schub. Fast gelähmt und erblindet griff Fischer später auf Empfehlung eines Mitpatienten zur Marihuana-Zigarette. Sie half, die Krämpfe gingen zurück, und auch die Sehkraft kam teilweise wieder. Ein Versuch mit Dronabinol verlief sogar noch besser, Fischer fühlte sich nach Einnahme der Tinktur - trotz Sprach- und Gleichgewichtsstörungen - erstaunlich gut. Doch konnte sich Michael Fischer dieses Wohlbefinden auf Dauer nicht leisten: Dronabinol ist für den Frührentner unerschwinglich. Was ihm bleibt, sind 15 Joints am Tag. Und die Angst. Denn schon zweimal stand die Polizei in seinem Mannheimer Wohnzimmer, beschlagnahmte seine Pflanzen und nahm den Schwerkranken mit auf die Wache.
Während Michael Fischer versucht, durch eine Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht seinen dringend benötigten Hanf-Vorrat wiederzubekommen, dürfen beispielsweise in Kanada 680 Patienten ihr Medizinal-Marihuana ganz offiziell von der staatseigenen Plantage beziehen. In der Bundesrepublik müssen Kranke ihren Medizinal-Hanf beim Dealer kaufen und riskieren für die oft gestreckten Pflanzenbrösel Job, Wohnung und Führerschein.
FÜR ÄRZTE geht das Versteckspiel ebenfalls weiter: Denn auch wenn es in Kliniken und Praxen längst ein offenes Geheimnis ist, dass ausgemergelte Kranke durch Marihuana-Kekse oft wieder Pfunde auf die Rippen kriegen - Ärzte dürfen selbst Todgeweihten nicht zu THC-Gras raten. "Wenn ich einem Patienten Marihuana empfehle, stehe ich mit einem Bein im Kittchen", sagt der Berliner Arzt Jan Strobl, der Michael Große jahrelang wegen seines Morbus Crohn behandelte.
Nur ein Gutes hat die derzeitige Gesetzeslage: Sie schweißt zusammen. Das Häuflein der Aktivisten ist hochengagiert. Es besteht aus Kriegsversehrten und Studenten, Familienvätern und Rentnerinnen. Manche von ihnen haben auch als Gesunde früher auf Partys gekifft, andere, vor allem die Älteren, haben sich jahrelang damit schwer getan, das "Teufelszeug Cannabis" überhaupt anzurühren. Alle aber sind zornig und enttäuscht. Eine Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht, die acht Patienten 1999 eingereicht hatten, wurde nicht zur Entscheidung angenommen: Die Schwerkranken sollen den jahrelangen Weg durch die Instanzen gehen oder sich die Nutzung von Hanf als Medizin einzeln beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte genehmigen lassen. Doch die Behörde lehnt die Patienten-Anträge regelmäßig ab. Anfragen, Atteste und Anwaltschreiben werden mit einem Formbrief abgeschmettert.
"In Deutschland wird nicht verstanden, dass Marihuana auf Kranke anders wirkt als auf Gesunde", sagt Franjo Grotenhermen vom IACM. Die vom Gesetzgeber gefürchteten Rauschgefühle verspürten die meisten Kranken selbst bei hoch dosiertem THC nicht. "Da gibt es immensen Forschungsbedarf", sagt Grotenhermen. Doch für die Forschung fehlt es an Geld. Die Pharmaindustrie ist nicht interessiert: Mit Hanfpflanzen lässt sich nicht das große Geld verdienen.
Dabei gibt es längst konkrete Vorschläge, wie man Marihuana an Kranke abgeben könnte. Harald Hans Körner, Oberstaatsanwalt und Leiter der Zentralstelle für Betäubungsmittelkriminalität in Frankfurt, kann sich vorstellen, Kranken über das Gesundheitsamt Cannabis zukommen zu lassen. Außerdem unterstützt er einen Vorstoß des IACM, den Paragrafen 31 im Betäubungsmittel-Gesetz so zu erweitern, dass man Patienten mit Attest von der Strafverfolgung ausnimmt.
Selbst wenn die Gesetzesänderung bald käme - für Michael Große wäre das zu spät. "Ich bin schon als Krimineller abgestempelt", sagt er auf dem Flur des Amtsgerichts. Zu fünf Monaten Haft hat ihn der Richter verurteilt, ausgesetzt zu zwei Jahren Bewährung. Zwei Jahre, in denen Große sich auf keinen Fall beim Kiffen erwischen lassen darf. In denen er sich täglich wird entscheiden müssen: Krämpfe oder Knast.
Mehr Infos im Internet
Homepage der Arbeitsgemeinschaft für Cannabis als Medizin
Ärzte sagen:
"Marihuana nutzt mehr, als es schadet"
Bildunterschrift:
Michael Große, 42, Berlin. Morbus Crohn seit 21 Jahren. Seine Darmkrämpfe hörten auf, als er 1996 den ersten Joint rauchte. Heute ist er fast symptomfrei. "Cannabis hat mir so etwas wie ein Leben zurückgegeben" / Günther Stolz, 48, Mannheim. Schwerste Migräne seit 20 Jahren. Kifft, damit die Anfälle nicht so schmerzhaft sind. "Haschisch muss so zugänglich sein wie Alkohol" / Michael Fischer, 38, Mannheim. Multiple Sklerose. War schon teilweise gelähmt und erblindet, als er zum Joint griff. Heute hat er weniger Beschwerden, dafür Probleme mit der Polizei: "Ich werde bestraft, weil ich mir zu helfen versuche" / Irene Weber, 53, Schleswig-Holstein. HIV-positiv und Hepatitis C. Raucht gegen Appetitlosigkeit und Nervenschmerzen. "Cannabis hält mich und meinen Virus bei Laune" / Martin Heeseler, 51, Berlin. Multiple Sklerose. Backt regelmäßig Haschisch-Plätzchen, die seine Spasmen lindern. "Als mir das mein Arzt empfahl, hab ich erst mal geguckt wie ein Eichhörnchen, wenn’s blitzt" / Ulrich Martin, 52, Alsfeld. Multiple Sklerose. Ein Pfeifchen hilft ihm gegen die Krämpfe in den Beinen. "Die stärkste Nebenwirkung von Cannabis ist die Illegalität" / Dieter Knaus, 26, Aachen. Erkrankte 1997 an Hodenkrebs. Während der Chemotherapie halfen ihm Joints gegen Brechreiz und Appetitlosigkeit. "Mir ging es wesentlich besser als den Nicht-Kiffern auf der Krebsstation" / Dieter Baier, 57, Dortmund. Multiple Sklerose. Die Familie war Zeuge, als er nach einem Cannabis-Kakao zum ersten Mal ohne große Mühe aus dem Rollstuhl aufstehen konnte / Gabriele Reichel, 45, Saarbrücken. 13 Bauchoperationen gegen Krebs. Könnte das teure Morphium absetzen, wenn sie regelmäßig an Cannabis käme. "Es hilft genauso gut gegen Schmerzen wie Morphium, hat aber weniger Nebenwirkungen" / Christian Zapp, 45, Saarbrücken. Multiple Sklerose seit 25 Jahren. War dreimal fast erblindet, verbesserte durch Cannabis seine Sehkraft wieder. "Die Politik muss uns endlich helfen" / Claus Audersch, 39, Essen. Schweres Asthma seit 1992. Der Frührentner inhaliert morgens Cannabis-Dämpfe gegen die nächtliche Verschleimung. "Marihuana lässt mich endlich wieder atmen"