2002/12/05 - WochenZeitung

Bekiffte Journis

Cannabis-GegnerInnen machen gegen die Legalisierung mobil. Die "SonntagsZeitung" haben sie auf ihrer Seite.

Wie macht man aus nichts eine Titelgeschichte? Die "SonntagsZeitung" (SoZ) macht es vor. Mit "Widerstand gegen Cannabis-Freigabe. Experten schlagen Alarm - Stimmungsumschwung in der Politik" versuchte die Zeitung in ihrer jüngsten Ausgabe, eine Diskussion zu lancieren, die überflüssiger nicht sein könnte. Worum geht es?

Der "Kassensturz" berichtete kürzlich, der THC-Gehalt im hierzulande angebauten Cannabis habe über die Jahre stark zugenommen. Die SoZ nahm die These auf und machte ihre LeserInnen glauben, die Legalisierungsvorlage, die noch im Frühling im Nationalrat behandelt werden soll, sei bereits heftig umkämpft. Die Zeitung argumentierte mit Fakten, die längst bekannt sind: zum Beispiel, dass der Konsum von Cannabis zu psychischen Problemen führen kann, dass Fachleute für einen mässigen und vorsichtigen Konsum plädieren, dass der FDP-Nationalrat und Berner Polizeidirektor Kurt Wasserfallen sowie Toni Bortoluzzi, SVP-Nationalrat und Präsident der nationalrätlichen Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK), vehemente Gegner der Liberalisierung sind. Neu an der Geschichte war einzig, dass in der SGK - die sich vorberatend mit der Legalisierungsgesetzgebung beschäftigt - angeblich ein Stimmungsumschwung stattgefunden hat. Von diesem Stimmungsumschwung haben jedoch die beiden von der WoZ befragten sozialdemokratischen Kommissionsmitglieder Christine Goll (Vizepräsidentin) und Rudolf Rechsteiner nichts bemerkt.

Goll ist vor allem über den Fokus der SoZ-Geschichte verärgert: "Das ist billige Stimmungsmache. Natürlich ist der Cannabis-Konsum nicht ungefährlich. Das Hauptproblem ist aber die Prohibition. Diese Verbotspolitik bringt überhaupt nichts, im Gegenteil. Wichtig ist, dass an ihre Stelle die Prävention tritt." Dieser Meinung ist auch François Reusser von der Schweizer Hanf-Koordination (SHK). Auch er schüttelt den Kopf über die SoZ-Kampagne: "Das ist ein klassisches Spiel, das schon seit dreissig Jahren so läuft: Man beruft sich auf Pseudostudien und bläst das Ganze zu einer Geschichte auf." In diesem Fall sind es Studien aus England, auf die nicht einmal genauer eingegangen wird. "Ärgerlich aber ist, dass die nun aufgeworfene Diskussion gänzlich an all dem, was wirklich wichtig ist, vorbeizielt", sagt Reusser. Beispielsweise der Frage, wie mit verseuchtem Cannabis umgegangen wird. Immer wieder kommt Hanf auf den Markt, der mit gefährlichen Pestiziden oder Schimmel versetzt ist. Reusser ist überzeugt, dass man dieses Problem mit einer Legalisierung besser in den Griff bekäme. Und damit ist er nicht allein: Mittlerweile glaubt sogar eine Mehrheit der Bevölkerung, es wäre klüger, den Konsum von Cannabis zu legalisieren. Wenn sich die Diskussion jetzt aber plötzlich wieder um die Gefährlichkeit von THC drehen soll, ist das ein fahrlässig initiierter Backlash.