2005/03/07 - St Gallener Tagblatt

Jugend und Sucht: Weiterbildungskurs für Lehrkräfte aus den Berufsschulen

40 Berufsschullehrkräfte haben sich in zweitägigem Kurs mit Facetten der Suchtproblematik beschäftigt. Unter anderem diskutierten sie das Für und Wider der Drogenlegalisierung.

Der vom Schweizerischen Institut für Berufspädagogik durchgeführte Kurs fand in Zusammenarbeit mit der Stadtpolizei St. Gallen statt. Referentinnen und Referenten sprachen zum Thema. Maria Saraceni vom Bundesamt für Gesundheit lieferte Zahlen und Daten zur Suchtsituation in der Schweiz, der St. Galler Staatsanwalt Thomas Hansjakob berichtete über den Drogenkonsum und Drogenhandel aus der Praxis. Harald Düring, Leiter Prävention der Stadtpolizei, referierte über "die Polizei im Spannungsfeld der Suchtproblematik". Sergio Spadini, Schulleiter der Realschule Bürgli, thematisierte die Frage nach Restriktion im Schulhaus.

Die Sicht der Politik
Am Ende des ersten Kurstages äusserten zwei Kantonsrätinnen und zwei Kantonsräte aus Appenzell Ausserrhoden ihre Sicht zur Drogenlegalisierung. Die Legalisierung von Cannabis bringe sicherlich Vorteile, doch erachte sie die Nachteile als grösser, betonte Regierungsrätin Marianne Koller (FDP). Wichtigstes Mittel, um Jugendliche vor dem Drogenkonsum zu schützen, sei und bleibe die Vorbildfunktion und klare Haltung der Erwachsenen. Ivo Müller (SP) plädierte für einen straffreien Haschkonsum und für eine starke Prävention. Wie bei Alkohol und Zigaretten komme für ihn aber ein Verkauf an Minderjährige nicht in Frage. "In der Schule muss der Konsum von Cannabis wie auch von Alkohol strikte verboten sein". Eine drogenfreie Gesellschaft erachte er hingegen als Illusion. Gegen eine Legalisierung stellte sich Edith Heuscher (parteilos). Als Eltern von Jugendlichen habe man es nicht immer leicht, richtige Antworten zu finden, um sie vom Drogenkonsum abzuhalten. Zumal wenn Kameraden der Kinder erzählten, ihr Vater rauche zu Hause auch mal einen Joint mit ihnen. Es sei erwiesen, dass der Gehalt des Nervengifts THC im Cannabis stetig steige. Auch Edgar Bischof (SVP) äusserte sich gegen eine Legalisierung. Er räumte ein, dass ein straffreier Verkauf wohl den Schwarzmarkt und die Beschaffungskriminalität reduzieren würde, doch schaffe eine einfache Beschaffung auch eine grössere Nachfrage. Für ihn sei erwiesen, dass der Kosum weicher Drogen häufig zum Einstieg zu härteren Suchtmitteln führe.

Eigenverantwortlich handeln
Wer für eine Legalisierung von Cannabis und gegen ein Rauchverbot in Restaurants plädiere, begründe dies oft mit der Eigenverantwortung, erklärte ein Kursteilnehmer. Er frage sich allerdings, wie Jugendliche und junge Erwachsene Eigenverantwortung zeigen könnten, wenn sie es nie gelernt hätten. An die Politikerinnen und Politiker gab er die Frage weiter, wie ihrer Meinung nach die Eigenverantwortung gefördert werden könne. Die Politik sei nicht in der Lage, alles zu richten, was in der Gesellschaft schief laufe, antwortete Marianne Koller. Für die Erziehung sei in erster Linie das Elternhaus zuständig. Wer denn aber den oft überforderten Eltern helfe, wollte ein weiterer Teilnehmer wissen. Jeder einzelne sei aufgefordert, nicht einfach wegzuschauen, sondern sich einzumischen und aktiv an der Gestaltung unserer Gesellschaft mitzuwirken, sagte Edith Heuscher. Ein Berufsschullehrer äusserte den Verdacht, dass die Politik immer dort nachgebe, wo die Wirtschaft drücke und dränge. "Wie sonst ist es erklärbar, dass der Konsum von Haschisch verboten, derjenige von Alkohol und Tabakwaren überall und immer legal bleiben soll?".

Claudia Schmid