Als sie 2002 mit Drogen erwischt wurde, drohte Julia Bohl die Todesstrafe. Jetzt wird sie vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen.
In Singapur herrscht Lynchjustiz da wird selbst Cannabis als Rauschgift bezeichnet um den Amis zu gefallen.
Drei Jahre trug sie jeden Tag dieselbe Kluft: beige Hose, beige Bluse. Ihre langen, dunklen Haare wurden abgeschnitten. Drei Jahre Haft in Singapur haben Julia Bohl verändert - nicht nur äußerlich.
Bei der 25jährigen Deutschen war im März 2002 Rauschgift gefunden worden. Ursprünglich drohte ihr sogar die Todesstrafe. Nächste Woche wird sie vorzeitig entlassen - wegen guter Führung.
Die Affäre hatte vor drei Jahren hohe Wogen geschlagen, denn Drogenvergehen sind in Singapur ein Kapitalverbrechen: Wer mit mehr als 500 Gramm reinem Cannabis gefaßt wird, wird gehenkt.
Daß Julia Bohl dieses Schicksal erspart blieb, verdankt sie den diplomatischen Mühen der deutschen Botschaft - und dem Geschick ihres Anwalts Subhas Anandan. Das kleine Wörtchen "rein" hatte Julia Bohl das Leben gerettet. Die Polizei hatte sie mit 687 Gramm Cannabis erwischt - genug für den Galgen. Eine Laboruntersuchung ergab jedoch, daß das Cannabis von minderer Reinheit war. Es enthielt nur 281 Gramm Rauschgift.
Subhas Anandan hatte außerdem dafür plädiert, daß Julia nicht als Dealerin angeklagt wurde, sondern "nur" dafür, daß sich die Drogen in ihrem Haus befanden. Als Teil des Deals mußte sie dafür gegen ihren malaysischen Freund Ben aussagen. Das Gericht verurteilte sie daraufhin zu insgesamt fünf Jahren Gefängnis.
Sie hatte Glück und doch war es ein Schock für sie. Vor allem die Anfangszeit war hart. Ihr Anwalt Anandan erinnert sich: "Sie hat mich damals gefragt, wie ich die neue Frisur finde. Ich habe ihr gesagt, sie sieht aus wie ein Teenager und wie gut ihr das steht - ich wollte sie nicht traurig machen". Zwischen dem Anwalt und seiner Klientin hat sich mit der Zeit eine enge Freundschaft entwickelt.
Julia Bohl hat die langen Stunden in der Zelle sinnvoll genutzt. Bei der Singapurer Zweigstelle der London School of Economics (LSE) hat sie ein Fernstudium der Wirtschaftswissenschaften begonnen. Die ersten Prüfungen hat sie bereits absolviert.
Meistens hatte sie eine Einzelzelle, aber manchmal, wenn das Changi-Frauengefängnis mal wieder überfüllt war, mußte sie den Raum mit einem anderen Häftling teilen. Weil sie studierte, gewährte die Gefängnisleitung ihr einige Privilegien. Das Licht durfte abends länger brennen. Einmal am Tag konnte sie an die frische Luft, den Himmel sehen. Im Gefängnis hat sie sogar Freunde gefunden - und alte wieder getroffen: Im vergangenen Jahr wurde eine Handvoll Ausländer wegen Kokainbesitzes verurteilt. Die kannte sie schon von "draußen". Zu ihrem damaligen Freund Ben hat Julia keinen Kontakt mehr, glaubt Subhas. Ben wurde nie gefaßt. Nach ihm wird immer noch gefahndet.
Julia Bohl, die in Deutschland geboren wurde, wuchs in Singapur auf. Ihr Vater, ein Ingenieur, arbeitete viel im Ausland. 1998 machte sie ihr Abitur an der Deutschen Schule in Singapur. Obwohl die Eltern aus Singapur fortzogen, blieb sie dort und begann ein Praktikum bei DaimlerChrysler. Sie kannte das Land und wußte, wie drakonisch die Strafen sind. "Julias Problem war damals, daß sie sich mit den falschen Leuten eingelassen hat - einschließlich Ben. Das hat ihr den ganzen Ärger erst eingebracht. Ich hoffe, sie hat ihre Lektion gelernt", sagt der Anwalt.
Von Interviews hat er ihr jedoch abgeraten. Vor allem solange sie Singapur nicht endgültig verlassen hat. Die Freilassung ist ein Zugeständnis - das jederzeit rückgängig gemacht werden kann.
In Deutschland kursieren bereits Gerüchte, Julia Bohl wolle ein Buch über die Zeit im Gefängnis schreiben. Die deutsche Botschaft rät ihr davon jedoch ab.
Öffentliche Aufmerksamkeit oder allzu starker Druck führen in Singapur zu einer noch härteren Haltung. Der Staat will sich nicht reinreden lassen. "Wir müssen vorsichtig sein", heißt es bei der deutschen Botschaft. "In Zukunft kann es ähnliche Fälle geben, da dürfen wir jetzt keine verbrannte Erde hinterlassen."
Tatsächlich hat Singapur in der Vergangenheit auch Ausländer hart bestraft: 1994 wurde der 59jährige Geschäftsmann Johannes van Damme aus den Niederlanden wegen Drogenvergehens hingerichtet. Vier Kilogramm Heroin waren in seinem Gepäck gefunden worden. Obwohl er stets verzweifelt beteuerte, man habe ihm die Drogen untergeschoben - und obwohl selbst die niederländische Königin Beatrix für ihn um Gnade bat -, blieben die Singapurer Behörden hart. Van Damme ist jedoch bis jetzt der einzige Europäer, der exekutiert wurde.
Am Freitag morgen werden sich die Gefängnistore für Julia Bohl endgültig öffnen. Sie wird von der Einwanderungsbehörde abgeholt werden und bleibt unter Aufsicht, bis sie ins Flugzeug steigt und das Land verläßt. Ihre Familie wird nach Singapur kommen, um sie in Empfang zu nehmen.
Sie wird zurück nach Deutschland gehen, wo ihre Mutter getrennt vom Vater lebt, und von dort aus ihren Abschluß an der LSE machen. Ihren Anwalt hat sie für nächstes Jahr nach Deutschland eingeladen. "Sie hat versprochen, mein Reiseführer zu sein - zur Fußballweltmeisterschaft", sagt Subhas Anandan.