Natürlichkeit des Produktes erhalten
Milch sei ein natürliches Produkt, in dem man keine psychotrope Substanz wolle, sagte Jürg Jordi, Sprecher des Bundesamtes für Landwirtschaft, der Nachrichtenagentur sda auf Anfrage. Milch könne ohne Hanf produziert werden. Für Verunreinigungen durch Blei oder Pestizide, die nicht ausgeschlossen werden könnten, gebe es Toleranz- und Grenzwerte. Bisher waren Anbau und Verfütterung von Hanf erlaubt, wenn er einen sehr geringen Gehalt des psychoaktiven THC aufwies.
Laut Jordi wird in der Schweiz so genannter Bauernhanf auf einer Fläche von rund 30 Hektaren gepflanzt. Hanf werde somit nicht in rauhen Mengen verfüttert.
Den Stein ins Rollen brachte eine Anzeige am 3. Februar in der Westschweizer Lokalzeitung „La Broye“. Sie zeigt einen Knaben mit einer Milchflasche in der Hand. Darüber steht geschrieben: „Seit Papa den Kühen Hanf verfüttert, schmeckt meine Milch noch besser.“ Die Urheberin des Inserates, die Sanasativa GmbH mit Sitz in Ladir GR und einer Filiale in Murist FR, die den Bauern nicht Zertifiziertes Saatgut verkauft, bekommt nun die ganze Härte des Verbotes zu spüren.
Für Agroscope, die Eidg. Forschungsanstalt für Nutztiere und Milchwirtschaft, sind die in einer Zeitungsannonce gemachten Angaben wissenschaftlich nicht abgestützt und irreführend. Bewiesen sei dagegen, dass THC aus dem Hanf in die Milch übertragen werde. Laut Agroscope-Forscher Daniel Guidon gibt es Studien in Pakistan, nach denen Kinder, welche die Milch von Wildhanf fressenden Kühen trinken, THC im Blut aufweisen. Guidon ist überzeugt, dass mit THC versetzte Milch die Gesundheit von Kindern gefährden kann.(??)
Fundierte Studien zu diesem Thema in Europa existieren praktisch nicht, da dort jeglicher Hanfanbau ohnehin verboten ist. Neben dem gesundheitlichen Aspekt soll das Verbot Konsumentinnen und Konsumenten vor Täuschung schützen. Laut Guidon erwarten Verbraucherinnen und Verbraucher schlicht kein THC in der Milch. Anmerkung d. Red.: Verbraucherinnen und Verbraucher erwarten auch keinen Feinstaub in der Luft...
„Hanf-Anwalt“ dementiert Gefahr
Jean-Pierre Egger, Geschäftsführer der betroffenen SanaSativa GmbH und selbsternannter „Hanf-Anwalt“, kritisiert das Fütterungsverbot scharf. Gegenüber der Nachrichtenagentur sda wies er auf ein Urteil des Berner Obergerichts von Mitte Dezember hin, das festhielt, vom Futterhanf gehe keine Gefahr aus.
Da die THC-Werte nur «beim Rauchen zur Verfügung» stünden, so das Gericht, sei auch nicht auszumachen, inwiefern Grossvieh bei der Verfütterung von Hanf gesundheitlich gefährdet sei - oder über die Nahrungskette Gefahren für den Menschen entstehen könnten.
Einen Versuch von 1998 der Agroscope-Forschungsanstalt in Posieux FR bezeichnete Egger als nicht „praxisorientiert“, da dem Vieh eine synthetische Pille mit reinem THC verabreicht worden sei. Der danach festgestellte Wert von 0,03 Milligramm THC pro Liter Milch sei acht Mal tiefer als jener, der in Getränken erlaubt sei, sagte Egger, der sich nicht an das Verbot halten will.
Fundierte Feldstudien stehen noch aus
Der Schweizerische Bauernverband (SBV) unterstützt das Hanf-Fütterungsverbot ohne Wenn und Aber. Die Milchwirtschaft dürfe nicht durch Dummheiten gefährdet werden, meint Thomas Jäggi vom SBV-Geschäftsbereich Viehwirtschaft. Jegliche Belastung der Milch muss gemäss Jäggi vermieden werden. THC, auch wenn nur in Spuren vorhanden, gefährde nicht nur das Naturprodukt Milch, sondern auch den Export von Käse.
Während der SBV bedingungslos hinter das Verbot steht, finden die Bio-Bauern den Mut zur Kritik. Die wissenschaftlichen Grundlagen für ein Hanf-Fütterungsverbot seien etwas mager, erklärt Barbara Früh, die Futtermittelbeauftragte von Biosuisse. Beim immer wieder zitierten Fütterungs-Experiment der Forschungsanstalt Posieux habe man den Kühen aus Hanf isoliertes THC in Pillenform zum Fressen gegeben. Der Versuch müsse jedoch mit Futterhanf durchgeführt werden, der einen sehr geringen THC-Gehalt aufweise.
Auch bei der Studie in Pakistan hätten die Tiere, Büffel übrigens, Cannabisprodukte gefressen und nicht Futterhanf. „Sollte aber ein korrekt durchgeführtes Experiment THC in der Milch feststellen, dann bin ich auch für ein Fütterungsverbot“, sagt Früh.
Unverhältnismässigkeit
Die vom Verbot betroffenen Landwirte reagieren eher verärgert. Hanf als Futtermittel, sagen sie, habe eine positive Wirkung auf die Kühe. Stefan Selinger, Bauer im zürcherischen Turbenthal hat Futterhanf angebaut. In einem Artikel der NZZ am Sonntag bezeichnet Selinger das Fütterungs-Verbot als „Verhältnisblödsinn“. Er habe nur gute Erfahrungen gemacht: Die Kühe hätten gesündere Euter, in der Milch seien die Fett- und Eiweisswerte gestiegen und die Fruchtbarkeit sei besser als früher.
Auch Marianne Strasser aus dem thurgauischen Raperswilen bekommt das Verbot zu spüren, da dieses für alle Nutztiere gilt. Bisher gab sie nämlich ihren Schweinen bei Bedarf eine mit Torf vermengte Ration Futterhanf. „Wenn die Schweine unruhig werden, etwa beim Gehege wechseln, dann gebe ich ihnen etwas Hanf. Sie sind anschliessend viel friedlicher“, so Strasser. Es sei ja nicht das THC, das wirke, sondern die ätherischen Öle im Hanf.
Der Hanf sei ein natürliches Beruhigungsmittel, viel besser als Chemie, und es sei schade, dass sie das nun nicht mehr verfüttern dürfe. Niemand, so Marianne Strasser, habe je THC im Fleisch nachgewiesen. Ob sie trotz Verbot die „Ration“ weiter verfüttern wird, weiss sie zum jetzigen Zeitpunkt nicht.
Der Bauernverband jedenfalls will hart durchgreifen: „Wer das Verbot ignoriert, muss mit einer Anzeige und einem Strafverfahren rechnen“, betont Thomas Jäggi vom SBV.
Chanvre-Info unterstützt selbsverständlich das Recht der VerbraucherInnen auf THC-freie landwirtschaftliche Endprodukte wie Milch, Käse, Fleisch etc. Trotzdem muss betont werden, dass ein völliges Fütterungsverbot von Hanf unverhältnismässig und ausserdem kaum fundiert ist. Und schon gar keinen Grund gibt es, THC-arme Hanfsorten nicht mehr zur Verfütterung zu erlauben. Fazit: Mit diesem Verbot haben sich die Betroffenen gemeinsam ein dickes Ei gelegt, das wohl noch einiges zu Reden geben wird.