« Hanf löst bei mir den Schmerz am besten »

Ein Präparat mit dem Cannabis-Wirkstoff hilft Patienten, die unter chronischen Schmerzen leiden. Doch Ärzte müssen einen Papierkrieg führen, wenn sie das sanfte Schmerzmittel verschreiben wollen.

www.ktipp.ch 08. September 2008 Andreas Gossweiler

Vor sieben Jahren hatte Stefan Seiler aus Ebnat-Kappel SG einen Autounfall : Er erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. Seither hat er chronisch starke Kopf- und Rückenschmerzen. Die bekämpft der 53-jährige Kunsttherapeut mit Dronabinol-Tropfen. Sie enthalten Tetrahydrocannabiol (THC), den Wirkstoff der Hanf-Pflanze.

Dronabinol wirke sanfter als herkömmliche Medikamente, sagt Seiler : « Wenn ich andere Schmerzmittel nahm, fühlte ich mich unangenehm zugedröhnt. » Auch die Nebenwirkungen seien weniger gravierend : « Konventionelle Schmerzmedikamente haben meinen Magen angegriffen », sagt er. « Sie hätten bei mir langfristig Magenschäden verursacht. »

Dass Hanf Schmerzen lindert und Krämpfe löst, zeigen wissenschaftliche Studien. Aus Hanf hergestellte Medikamente helfen Patienten, die an Multipler Sklerose, Krebs, Aids und anderen schweren Krankheiten leiden. Doch der Cannabis-Konsum ist verboten – auch für medizinische Zwecke.

Für chronisch Kranke gibt es nur eine Möglichkeit, um vom Hanf-Wirkstoff zu profitieren : Tropfen mit künstlich produziertem Dronabinol. Der Wirkstoff Dronabinol wird nicht aus Hanf, sondern aus Orangenschalen synthetisiert. Der Apotheker Manfred Fankhauser aus Langnau im Emmental stellt die Tropfen her. « Ich fand es schade, dass die heilende Wirkung des Hanfs nicht nutzbar gemacht werden kann », erklärt Fankhauser. Den Wirkstoff Dronabinol bezieht er von einer deutschen Firma. Manfred Fankhauser ist der einzige Schweizer, der Dronabinol importieren darf.

Dronabinol wirkt ähnlich wie Cannabis, ist aber viel teurer : Pro Monat müssen Patienten dafür bis 800 Franken bezahlen – rund zehnmal soviel wie für Medikamente, die aus Hanf hergestellt werden.

Nicht immer übernimmt die Krankenkasse die Kosten. Eigentlich würde Manfred Fankhauser seine Tropfen lieber aus Hanf statt aus Orangenschalen herstellen. « Hanf enthält nicht nur THC, sondern auch andere wertvolle Wirkstoffe », erklärt der Apotheker. Doch das Betäubungsmittelgesetz verbietet die medizinische Verwendung von Hanf.

Auch Dronabinol ist in der Schweiz nicht zugelassen. Ärzte müssen beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) für jeden Patienten eine schriftliche Ausnahmebewilligung einholen. Sie müssen dem BAG auch bestätigen, dass sie die Verantwortung für Nebenwirkungen übernehmen. Die Bewilligung gilt nur für ein paar Monate, dann ist ein neuer Antrag nötig.

Laut Thomas Cerny, Präsident der Krebsliga und Chefarzt am Kantonsspital St. Gallen, hält die Bewilligungspflicht viele Ärzte davon ab, Dronabinol zu verschreiben : « Wir Ärzte hassen unnötigen Bürokram. Statt die Bewilligung einzuholen, greifen manche Kollegen lieber zu einem anderen Präparat. » Deshalb erhalten in der Schweiz nur ein paar Dutzend Patienten Dronabinol.

Der Nationalrat wollte die Verwendung von Hanf für medizinische Zwecke erlauben. Das ist nur möglich, wenn das Betäubungsmittelgesetz geändert wird. Doch politische Kräfte sind dagegen. Sie haben das Referendum gegen die Änderung des Betäubungsmittelgesetzes ergriffen. Deshalb kommt die Vorlage am 30. November vors Volk (siehe unten). Nehmen die Stimmbürger sie an, können Ärzte künftig Hanf-Medikamente ohne Spezialbewilligung des BAG verschreiben.

Ärzte versprechen sich viel von der Legalisierung von Hanf-Medikamenten. Der Krebsspezialist Thomas Cerny sagt : « Es ist sinnvoll, dass das Betäubungsmittelgesetz geändert wird. Denn es gibt immer wieder Krebspatienten, die unter Appetitmangel, Übelkeit und krampfartigen Schmerzen leiden, aber auf übliche Medikamente nicht gut reagieren. »

Auch Markus Weber, Neurologe am Kantonsspital St. Gallen, sagt : « Es ist wichtig, dass die Revision angenommen wird. Denn Hanf hat ein grosses therapeutisches Potenzial. » Weber fügt an : « Es gibt keine Gründe, warum man Dronabinol anders behandeln sollte als legale Schmerzmittel wie Morphin. »

Cannabis-Medikamente : Das will das neue Betäubungsmittelgesetz
- Am 30. November findet die Abstimmung über die Revision des Betäubungsmittelgesetzes statt. Die wichtigsten Punkte :

- Hersteller können neu Medikamente mit dem Cannabis-Wirkstoff zur Zulassung anmelden.

- Sind die Medikamente zugelassen, können Ärzte diese problemlos verschreiben.

- Die auf Ende 2009 befristete Heroinabgabe an Suchtkranke wird definitiv eingeführt.

Das Parlament stimmte dem revidierten Betäubungsmittelgesetz zu, doch EDU (Eidgenössische Demokratische Union) und SVP ergriffen das Referendum. Am 30. November befinden die Stimmbürger auch über die Hanf-Initiative. Sie will, dass der Konsum von Cannabis nicht mehr strafbar ist. Chronisch kranke Patienten können ihre Schmerzen dann auch mit Cannabis-Tee lindern.