Laut einer neuen Studie betrinken sich 20% der 13-jährigen und 50% der 16-jährigen Jugendlichen mindestens einmal im Monat. Bier und Spirituosen sind die bevorzugten alkoholischen Getränke dieser Altersgruppe. Der Konsum von Cannabis bleibt hoch, scheint sich aber tendenziell zu stabilisieren oder sogar abzunehmen.
Eine neue Studie bestätigt die zunehmende Neigung der Schweizer Jugendlichen zu Rauschmitteln. Man weiss bereits, dass 11- bis 16-jährige Schüler seit einigen Jahren vermehrt zu Alkohol greifen. Aber es war bisher nicht bekannt, dass sich 20% der 13-ährigen und 50% der 16-jährigen regelmässig mindestens einmal pro Monat betrinken. Unbekannt war auch, dass die Schweiz zu denjenigen Ländern Europas mit dem höchsten Konsum von Alkohol und Cannabis bei Jugendlichen gehört. Zu solch besorgniserregenden Resultaten gelangte die Espad-Untersuchung (European School Survey Project on Alcohol and Other Drugs) in der Schweiz. Die Studie wurde vom BAG (Bundesamt für Gesundheitswesen) finanziert und kürzlich von der Schweizerischenn Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA) veröffentlicht. Diese Umfrage wird alle vier Jahre bei Schülern aus 35 europäischen Ländern gemacht und erlaubt es, internationale Vergleiche über den Konsum von Tabak, Alkohol und andern Drogen zu ziehen. Die Schweiz hat erstmals 2003 teilgenommen. Mehr als 2600 Schüler im Alter von 13 bis 16 Jahren wurden befragt. Da die anderen Ländern ihre Resultate noch nicht veröffentlicht haben, haben die Schweizer Forscher ihre Resultate mit denjenigen der letzten Studie von 1999 verglichen. "Wir werden die internationalen Vergleiche noch differenzieren können, wenn die neuesten Daten vorliegen", sagte Gerhard Gmel, Leiter der Studie. Besonders besorgniserregend findet Gmel die Daten, die den Alkoholkonsum betreffen. "Zwar ist der Cannabiskonsum in der Schweiz hoch, aber er scheint sich zu stabilisieren oder sogar abzunehmen", erklärte Gmel. Beim Alkohol sei dies nicht der Fall. "Die Untersuchung zeigt, dass die Jugendlichen seit der Preissenkung im Jahr 1999 vermehrt Spirituosen trinken", obwohl der Verkauf dieser Kategorie von Alkoholika an Personen unter 18 Jahren verboten ist. Laut der Studie erklärten 70% der 15-jährigen, dass es "sehr einfach" oder "ziemlich einfach" sei, sich Hochprozentiges zu beschaffen. Bier ist sogar für 90% "sehr leicht" oder "ziemlich leicht" zu beschaffen. Da die Befragung aus dem Jahr 2003 datiert, kann nicht gesagt werden, ob die Preiserhöhung für Alcopops im Februar dieses Jahres einen Einfluss auf das Trinkverhalten dieser Altersgruppe hat.
Die Umfrage zeigt, dass die Jugendlichen nicht regelmässig, aber bei sich bietendender Gelegenheit viel trinken. Nach den Motiven befragt, geben die meisten der jungen Leute an, sie "hätten den Wunsch, sich in einen besonderen Zustand zu versetzen". Es wird zum Beispiel gezielt versucht, betrunken zu werden. In den Augen der Jugendlichen ist der Alkohol "fun" und hilft, "geselliger und lustiger" zu werden. "Man trinkt auch wegen des Gruppendrucks, obwohl das viele ungern zugeben", stellte Gerhard Gmel fest und kritisierte gleichzeitig die allzu grosse Toleranz, die die Gesellschaft dem Alkoholkonsum entgegen bringe. Cannabis werde hauptsächlich aus Neugier konsumiert, aber auch hier sei der Wunsch nach Berauschung vorhanden. Der Rapport kommt zum Schluss, dass der Alkoholkonsum, verbunden mit dem Wunsch, sich zu betrinken, das grösste Gesundheitsproblem der Schweizer Jugend darstelle. Man müsse nun diesem Zustand mit geeigneten Massnahmen bekämpfen: Erhöhung der Alkoholsteuern, schärfere Überwachung des Verkaufs, erschwerter Zugang zum Alkoholausschank sowie verstärkte und erweiterte Präventionskampagnen.
Le Temps, Samstag 14. August 2004 (Patricia Briel) www.sfa.ch