Was ist es in der Natur des Menschen, das ihn zum Rausch treibt?

Von Alkohol und Cannabis zu Kokain und LSD - es scheint keine Grenze zu geben für unseren Appetit auf bewusstseinsverändernde Substanzen. Was ist es in der Natur des Menschen, das ihn zum Rausch treibt, fragen Helen Philips und Graham Lawton in der Titelgeschichte des britischen Wissenschaftsmagazins „New Scientist“ (Nr. 2473, 13.11.2004).

Was haben die Kunden in einem von Hanfdampf geschwängerten „HeadShop“ in Kanada, die Menschen, die sich in Peru einen Coca-Tee brauen, die Freunde die in Europa abends ein paar Flaschen Wein leeren oder ein Mann, der mit starrem Blick und offensichtlich high auf Amphetamin bei einer Verkehrskontrolle gestoppt wird, gemeinsam ? So verschieden diese Beispiel sind weisen sie, so Helen Philips und Graham Norton im „New Scienstist“, doch ein gemeinsames Muster auf: das Streben nach Berauschung.

„Seit prähistorischen Zeiten waren die Menschen auf der Suche nach berauschenden Substanzen. Die meisten aller Menschen, die jemals lebten, haben die Erfahrung eines chemisch veränderten Bewusstseinszustands gemacht und dasselbe gilt für die heute lebenden Menschen. Das heißt nicht, dass jeder von uns ständig danach verlangt „high“ zu sein oder das der Rausch irgendwie der normale Bewusstseinszustand ist. Aber wer kann von sich behaupten, niemals einen veränderten Bewusstseinszustand erfahren zu haben - sei es der Koffein-Kick der uns am Morgen auf Trab bringt, das entspannende Bier am Feierabend, ein paar Züge aus dem Joint auf einer Party oder das euphorische High von Ecstasy? Im gegenwärtigen Prohibitions-Klima ist es schwer, über psychoaktive, bewusstseinsverändernde Substanzen zu reden, ohne auf ihre schädlichen und suchtbildenden Eigenschaften zu sprechen. (...)

Nichtsdestotrotz sind Rauschmittel ein Teil des Lebens für die meisten Menschen und die meisten von uns sind fähig, sie maßvoll zu konsumieren ohne dem Missbrauch oder der Sucht zu verfallen. Zum Beispiel Alkohol: seine potenten psychoaktiven Eigenschaften sind ebenso bekannt wie sein Sucht-Potential, dennoch trinkt die Mehrheit aller Menschen mit Genus und ohne Alkoholiker zu werden. Darüber hinaus gibt es deutliche Beweise, dass allen Gesundheitskampagnen und hohen Strafen zum Trotz, jedes Jahr Millionen Menschen zu den Legionen derer stoßen, die mit illegalen Substanzen experimentieren.(..)

Die Berauschung, so scheint es, ist in der einen oder anderen Form etwas Universelles: „Es ist ein natürlicher Teil des Bewusstseins sein Bewusstsein zu verändern“, so Rick Doblin von der Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS) in Sarasota, Florida. Aber warum versuchen wir, unser Bewusstsein zu verändern indem wir dem Gehirn bestimmte Chemikalien zuführen ? Die Antwort ist eindeutig: Wir suchen dem Rausch aus einem einfachen Grund, doch fürchten wir uns meistens es zuzugeben: Wir mögen ihn! Ein Rausch kann Spaß machen, er kann gemeinschaftsfördernd sein, oder Einsichten liefern, oder therapeutisch sein und sogar bewusstseinserweiternd. So etwas im derzeitigen Klima zu behaupten ist nicht leicht, aber eine wachsende Anzahl von Forschern argumentieren mittlerweile, dass wenn wir nur das „Drogenproblem“ beachten und nicht bereit sind, die positiven Seiten der Berauschung ins Auge zu fassen, wir nur die Hälfte der Geschichte sehen - was soviel bedeutet wie Sex zu erforschen und davon auszugehen, er mache keinen Spaß.“

Doch ein vollständiges Verständnis des Rauschs und die Frage wie es zu erreichen ist könnte viele Vorteile eröffnen. Vor allem würde es die Aussicht auf bessere Behandlung von Missbrauch und Sucht ermöglichen. Es gibt also gute Gründe, den Rausch als eigenständiges Phänomen zu erforschen. (..)

In den 50er, 60er und frühen 70er Jahren zeigten viele Forscher an dieser Frage persönliches Interesse. In diesen eher liberalen Tagen listeten Forscher wie der Arzt Andrew Weil am National Institute for Mental Health in Maryland, oder der Ethnobotaniker Terrence McKenna die Effekte vieler Drogen auf, testeten sie im Labor, erforschten ihre bewusstseinsverändernden Eigenschaften in Feldversuchen und in verschiedenen Kulturen und zeigten, dass viele dieser Substanzen einen medizinischen Nutzen haben. (...)

Dieser Forschergeist wurde größtenteils unterdrückt als in den 80er Jahren der US-geführte „War on Drugs“ begann. Drogenforschung wurde nun vom „Suchtparadigma“ dominiert - Genus und Nutzen waren fortan schärfstens unerwünscht. (..) Doch einige Forscher machten dennoch weiter. Zum Beispiel Ronald Siegel, heute Psychopharmakologe an der University of California, Los Angeles. (..) Siegel glaubt, dass es einen starken biologischen Drang zur Berauschung gibt: „Es ist die vierte Kraft“, sagt er, „nach Hunger, Durst und Sex kommt die Berauschung“. Ob wir Vergnügen suchen, Stimulation, Schmerzlinderung oder Flucht, die Wurzel dieses Drangs, so Siegel, ist die Motivation sich „anders als normal zu fühlen“ - was manchmal auch „Ferien von der Realität“ genannt wird. (..)

Eines der wichtigsten „anderen“ Gefühle die wir suchen, ist Vergnügen. Vergnügen, glauben die Neurowissenschaftler, ist die Art des Gehirns uns zu sagen, dass das was wir tun gut für das Überleben ist, wie Essen und Sex. Die Kreisläufe die dieses Gefühl schaffen werden von natürlichen Opiaten und Cannabinoiden gesteuert. Deshalb ist es keine Überraschung, dass wir die Neigung haben, solche Chemikalien unserem Gehirn zuzuführen. Aber so einfach ist die Gleichung nicht. Beim Treffen der Society for Neuroscience in San Diego im letzten Monat beschrieb der Neurowissenschaftler Kent Berridge von der University of Michigan in Ann Arbor, wie Ratten, denen das natürliche Cannabinoid - Anandamid - gegeben wird, einen Hang zu süßem Geschmack entwickeln. Die mit Anandamid geimpften Ratten hatten ein größeres Verlangen nach Zucker als die Kontrollgruppe. Es scheint, dass die Cannabinoide nicht nur für sich selbst Wohlbefinden auslöst, sondern auch andere Vergnügungen verstärkt und die Welt insgesamt angenehmer zu machen scheint. Vielleicht, so schließen die Forscher, ist dies auch der Grund für den wohlbekannten Heißhunger-Effekt von Marihuana. (..)

Aber der Rausch tut noch mehr als nur einfach unsere Vergnügens-Kreisläufe zu massieren. Einige veränderte Zustände, glaubt Siegel, haben einen nützlichen Wert. So wie viele Tiere natürlicherweise Medizinpflanzen mit antibiotischer Wirkung suchen, suchen wir unser Bewusstsein zu behandeln. Wenn wir aufgeregt sind oder Schmerzen haben, suchen wir Substanzen die beruhigen und entspannen. Wenn wir müde sind, suchen wir Stimulantien.(...)

Dieser Drang zur Medikamentierung von Stimmungen zieht sich laut Siegel durch das ganze Tierreich und er und seine Kollegen haben tausende von Fällen dokumentiert. Elefanten zum Beispiel lieben fermentierte Früchte, nehmen aber normalerweise nur wenig davon. Wenn sie allerdings ihren Partner verloren haben - Elefantenpaare bleiben üblicherweise auf Lebenszeit zusammen - entwickeln sie einen Hang zu alkoholisierten Früchten - und trinken sogar reines Ethanol, wenn die Forscher es ihnen geben. Wie Menschen scheinen sie ihre Sorgen ertränken zu wollen.(...) Tiere nehmen aber nicht nur Downer, es gibt etwa zahlreiche Berichte von Ziegen, die Stimulantien fressen, wie Kaffeebohnen oder das pflanzliche Amphetamin Khat.

Während sich die Medikation mit Uppern und Downern noch relativ leicht verstehen lässt, sind die Anziehungskräfte anderer Rauschmittel schwerer zu fassen. Dies sind die Halluzinogene, die nicht so einfach in Überlebens-Kategorien zu fassen. Die meisten Tiere vermeiden diese Art Rauschmittel. Dennoch glauben einige Forscher, dass Psychedelika medizinische Effekte bei Menschen haben können. Doblin zum Beispiel argumentiert, dass die drastisch veränderten Bewusstseinszustände eine Rolle dabei spielen könnten, die mentale Gesundheit aufrecht zu erhalten. Halluzinogene - und teilweise auch Cannabis oder MDMA - erlauben uns zeitweilig aus der Realität, die von Logik, Ego und Zeit regiert wird, zu fliehen und andere Aspekte des Bewusstseins zu entdecken: „Das Gehirn funktioniert am besten, wenn es Zugang zu veränderten Zuständen hat.“

Das mag sich nach hippieartigem Quatsch anhören, aber es gibt in der medizinischen Literatur viele Belege dafür, dass Halluzinogene gegen mentale Krankheiten wirken, darüber Angst, port-traumatische Störungen, Alkoholismus und Heroinsucht. Der größte Teil dieser Forschungen stammt aus den 50er Jahren, aber jetzt scheint es auf diesem Feld wieder weiter zu gehen. Grob erhielt unlängst die Erlaubnis, Psilocybin bei Angstzuständen schwerkranker Krebspatienten einzusetzen. (...)

Siegel fand heraus, dass er Affen dazu bringen kann, freiwillig DMT (ein starkes Halluzinogen) zu rauchen. Er hatte Rhesus-Affen trainiert, gegen Belohnung Nikotin zu inhalieren, doch wenn er ihre Rauchgeräte mit DMT füllte, probierten sie nur einmal und vermieden es dann. Nach einigen Tagen in der Dunkelheit, ohne äußere Stimulation, begannen die Affen aber, auch DMT freiwillig zu rauchen. Dies endete damit, dass sie nach nicht-existierenden Gegenständen griffen oder sich vor unsichtbaren Gefahren versteckten. „Dies ist die erste Demonstration, bei der ein nicht-menschlicher Primat freiwillig ein Halluzinogen nahm“, sagt Siegel. „Wir haben dieselbe Motivation unser Leben zu erhellen, mit dem chemischen Blick in eine andere Welt.“ Langeweile, so scheint es, treibt Tiere dazu, zu experimentieren, auch wenn die Erfahrung nicht rundum Vergnügen bereitet. (..)

Vergnügen, Aufregung, Therapie, Neugierde - unter diesem Blickwinkel sieht das Verlangen nach Rausch sehr anders aus als die Standardvorstellung eines krankhaften Drangs, der unterdrückt werden muss, bevor er zu Leid, Sucht und Elend führt. Dennoch scheint die allgemeine Debatte über Drogen, Alkohol und Tabak eher unfähig, irgendetwas Positives über den Rausch zu sagen. Stattdessen bleibt sie gefangen in den sterilen Argumenten zischen Prohibitionisten und denen, die Schaden minimieren wollen, etwa indem sie Heroin auf Verschreibung zugänglich machen wollen. Beide Gruppen aber gehen davon aus, dass psychoaktive Substanzen grundsätzlich schädlich sind - und unterscheiden sich nur in der Frage, was man am besten dagegen tut.

Einige Aktivisten allerdings beginnen auf ganz andere Weise zu argumentieren. Ein prominenter Kritiker dieser Debatte ist Richard Glen Boire, Direktor am „Center for Cognitive Liberty und Ethics“ in Davis, Kalifornien. Er glaubt, dass der Rausch nicht nur ein Teil der menschlichen Natur ist, sondern ein grundsätzliches Menschenrecht: „Warum sollte es illegal sein, deine Art des Denkens zu verändern?“ sagt er. „Solange Du niemand anderem Leid zufügst, ist das, was Du mit deinem Bewusstsein tust, so privat wie das, was in deinem Schlafzimmer vorgeht. Boire setzt sich dafür ein die Gesetze so zu verändern, dass es den Menschen erlaubt ist, zu Hause oder an vorgesehenen Orten mit psychoaktiven Substanzen zu experimentieren: „Die Leute haben das Recht dazu, den gesamten Bereich ihres Bewusstseins zu erforschen und es ist unsere Pflicht als Gesellschaft, dem zu entsprechen.“

Einige Wissenschaftler gehen in dieselbe Richtung, und meinen, anstatt unseren grundsätzlichen Drang zu anderen Bewusstseinszuständen zu unterdrücken, medikalisieren oder kriminalisieren, sollten wir lieber dafür sorgen, ihn sicherer, gesünder und weniger leidvoll zu machen, kurz das „Toxische“ aus der „Intoxination“ herausnehmen. Der Ansatz von Siegel dabei ist, die existierenden Drogen zu verbessern - mit kürzerer Wirkungszeit und kleinerem Suchtpotential: „Wie wäre es, wenn wir eine Droge wie Alkohol hätten, die nicht zu Gewalt, Schäden an Ungeborenen oder Leberschäden führt, die keine Trunkenheitsfahrten verursacht und keinen Kater? Was wäre medizinische daran auszusetzen? Wahrscheinlich würden wir diesen Alkohol den Menschen zur Entspannung verschreiben.“ Wir könnten sogar neue Chemikalien entwickeln, die uns alle Freuden und Abenteuer des Rauschs erleben lassen ohne seine Schattenseiten. „Das ist keine Science Fiction“, so Siegel, „die Zivilisation wird sich letztlich in diese Richtung entwickeln.

Vielleicht wäre das der größte Beitrag, den ein vollständiges Verstehen des Instinkts zur Berauschung bieten könnte - die Gesellschaft anzuspornen die irrationale Position zu überwinden, Kaffee, Alkohol und Tabak zu erlauben und gegen alle anderen psychoaktiven Substanzen einen „Krieg“ zu führen. David Lenson, Soziologe an der University of Massachusetts und Autor des Buchs „On Drugs“ (1995) weist auf diesen Punkt hin und vergleicht den „War on Drugs“ mit den Versuchen, Homosexualität auszurotten: beide beruhen auf einem unvollständigen Verständnis der menschlichen Natur. Auch Siegel sieht die Analogie zum Sex: „Wir können nicht erwarten, das AIDS-Problem zu lösen indem wir Sex verbieten“, sagt er. „Wir müssen Drogen sicher und gesund machen, denn die Menschen werden nicht dazu fähig werden, „Nein“ zu Drogen zu sagen.“

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