Die 21-jährige Studentin Mary* erzählt von ihren Erfahrungen mit Cannabis.
Mary, wie war deine Kindheit?
Ich bin auf dem Land, in einem liberalen und weltoffenen Elternhaus aufgewachsen. Meine Eltern sind beide Nichtraucher, aber im Sommer haben sie manchmal mit ihren Freunden im Garten Joints geraucht. Vor uns Kindern hat man das nicht geheim gehalten, es kam ohnehin selten vor. Ich hatte nicht den Eindruck, als würden sie etwas Verbotenes tun. Meine ersten Erinnerungen an Cannabis sind mit einer Atmosphäre von Lebensfreude und Lachen verbunden. Leider hat sich dies später geändert.
Wie bist du selber zum "Kiffen" gekommen?
Mit 13 Jahren kam ich nach L. ins Gymnasium und dort habe ich meinen ersten Joint geraucht. Es war natürlich super, dieser Frieden, diese Entspannung vom Schul- und Pubertätsstress, den ich damals hatte. Es war halt witzig, in der Gruppe zu kiffen und herumzuhängen, die Leute zu beobachten, über sie zu lachen usw., kurz, es war geil, es war cool, es war crazy wie in einem Roman von Irvine Welsh...
Am Anfang habe ich vielleicht einmal in der Woche geraucht, dann täglich und schliesslich mehrmals täglich. Nur am Rande habe ich bemerkt, dass meine Schulleistungen nach und nach abnahmen. Aber das war mir sowieso egal, ich lebte in einer Art Dauernebel.
Wie lange dauerte diese Phase?
Um die 5 Jahre, mit Auf und Ab. Zwischendurch habe ich monatelang weniger konsumiert. Es ist ja wirklich so, dass man von Cannabis nicht süchtig wird, so wie z.B. von Tabak. Selbst Kaffee macht süchtiger!
Wo hast du dir den Cannabis besorgt?
Es gab damals all diese Hanflädeli. Nach einem Ausweis wurde nur selten gefragt und wenn, dann konnte man dies leicht umgehen. Am liebsten habe ich "Indoor"-Cannabis geraucht, der "fuhr" am besten ein. Es gab eine Zeit, wo ich fast mein ganzes Taschengeld für Cannabis ausgegeben habe. Das indoor-Gras war teuer, so 2 bis 3 Gramm kosteten locker 50 Franken!
Haben deine Eltern und Lehrer nichts bemerkt?
Mit meinen Eltern konnte ich offen über den Cannabiskonsum reden. Die Illegalität war für sie kein Thema, aber sie fanden, ich rauche zu oft und zu starkes Zeug (was ja auch stimmte!). Aber damals meinte ich ohnehin alles besser zu wissen! Die Lehrer haben es sicher zum Teil gewusst, aber was hätten sie denn tun sollen? In meiner Klasse hat mehr als die Hälfte gekifft! Ausserdem habe ich es so eingerichtet, dass meine Leistungen immer genügend, wenn auch nicht herausragend waren. Allerdings hatte ich manchmal grosse Mühe, mich zu konzentrieren.
Warum hast du dann mit dem Kiffen aufgehört?
Nach und nach habe ich gemerkt, dass mir irgendwie alles egal geworden war. Ausserdem hatte ich öfters Panikattacken und fühlte mich beobachtet, obwohl dies gar nicht der Fall war. Ich fühlte mich nicht mehr cool, wenn ich gekifft hatte, sondern nur noch schlecht! Das viele Kiffen hatte offenbar auch meinen Menstruationszyklus durcheinander gebracht, denn meine Regel blieb monatelang aus (nachdem ich aufgehört habe, hat es sich innerhalb weniger Monate wieder eingependelt).
Hast du professionelle Hilfe in Anspruch genommen? Suchtberatungsstellen, Psychologen?
Nein, das Aufhören war ein Prozess, der von alleine gekommen ist. Ich denke, dass sich mit dem Erwachsenwerden meine Lebenseinstellung geändert hat. Es wurde mir klar, dass ich weiterkommen wollte und mit so viel Cannabiskonsum wäre ich geistig stecken geblieben. Beratungsstellen hätte ich ohnehin nicht aufgesucht. Das gönnerhafte Gehabe dieser Drogenberater geht doch den meisten Leuten auf den Wecker! Ausserdem hatte ich gar nicht das Gefühl, Hilfe zu benötigen. Es muss doch nicht jeder kleine Kiffer therapiert werden!
Du hast mit dem Kiffen ganz aufgehört?
Fast. Selten noch nehme ich einen oder zwei Züge, wenn man mir einen Joint anbietet. Es macht Spass, aber damit hat es sich.
Du sagst von dir, dass du ehemals eine leidenschaftliche Kifferin warst. Was hast du aus dieser Erfahrung gelernt?
Ich glaube, dass Jugendliche nicht oder nur sehr wenig Cannabis konsumieren sollten, wenn es nicht zu medizinischen Zwecken ist. Erwachsene scheinen es gut zu vertragen. Vielen verkrampften Spiessern täte es sogar gut, wenn sie ab und zu ein wenig Cannabis rauchten, oder meinetwegen ein Hanfteeli tränken.
Ewas ist seltsam: ich habe kaum Erinnerungen an die Zeit, als ich so viel Cannabis konsumierte, es verschwindet alles in einem Nebel... Das einzige, was ich wirklich bedaure, ist, dass fast fünf Jahre meines Lebens wie hinter einer Nebelwand liegen.... So viele verlorene Jahre...nun bin ich sozusagen auf der "Suche nach der verlorenen Zeit...". Andererseits frage ich mich, ob ich diesen "Nebel" gebraucht habe, als eine Art geistige Narkose. Denn in der Pubertät fängst du an, die Welt mit anderen Augen zu sehen und das, was du siehst, ist nicht schön...Wahrscheinlich rauchen deshalb so viele Jugendliche Cannabis: es hilft ihnen, zu verdrängen, was auf sie zukommt! Die Prozac-Nation lässt grüssen!
Was sagst du zu der Hanf-Initiative?
Politik interessiert mich nicht. Es gibt kaum Politiker, die ich nicht als verlogene Schwätzer empfinde. Trotzdem habe ich die Initiative unterschrieben. Es wäre gut, wenn Cannabis nur an Erwachsene verkauft würde und nicht so teuer wäre!
*Name gändert, Interview am 27.1.05 mit H. Cervantes / Hanf-Info Murten