SBV Treuhand und Schätzungen
1. Auftrag
Das Bezirksgericht Brugg hat uns das Protokoll der Sitzung vom 30. Januar 2001 über das Strafverfahren in Sachen Staatsanwaltschaft des Kantons Aargau gegen Werner Oesch, Eich 172, 5112 Thalheim betreffend Widerhandlung gegen das Bundesgesetz vom 3. Oktober 1951 über die Betäubungsmittel und die psychotropen Stoffe (Betäubungsmittelgesetz) StA-Nr. 2000-4044 zugestellt.
Im Punkt 3 der Beschlüsse ist festgehalten, dass das Gericht vom Schweizerischen Bauernverband einen Bericht einholt, der darstellt, zu welchen Konditionen Industriehanf in der Regel produziert und abgegeben wird.
Nach telefonischer Rücksprache mit Herrn Urs Portmann, Gerichtsschreiber Bezirksgericht Brugg, wird der Auftrag von Herrn Markus Bürli, Abteilung Treuhand und Schätzungen des Schweizerischen Bauernverbandes, ausgeführt. Es soll aufgezeigt werden, welche Arbeiten bei der Industriehanfproduktion anfallen und was dabei finanziell erwirtschaftet werden kann.
2. Einleitung
Damit keine Unklarheiten entstehen, gehen wir kurz darauf ein, was überhaupt als Industriehanf bezeichnet wird.
Industriehanf
Wie es der Begriff schon sagt ist mit "Industriehanf" Hanf zur industriellen Verwertung gemeint. Nun kann Hanf aber zu ganz verschiedenen industriellen Zwecken verwendet werden. Neben der Faserproduktion zur Herstellung von Textilien, Papier oder Faserverbundstoffen, kann der Hanf auch zu energetischen Zwecken, als Isolationsstoff, als Geschmacksgeber in der Bierherstellung oder zur Produktion von ätherischen Ölen, um nur einige Verwertungsarten zu nennen, verwendet werden. In der Folge muss also immer nach den verschiedenen Produktionszielen unterschieden werden.
THC-Gehalt
Im Gegensatz zur Verwendung ist es nicht zwingend, dass Industriehanf auch THC-armer Hanf sein muss. Auch THC-reicher Hanf kann zu industriellen Zwecken genutzt werden. Der einzige Nachteil, den THC-reicher Hanf mit sich bringt ist, dass für Hanf mit einem THC-Gehalt von über 0.3% kein Beitrag für nachwachsende Rohstoffe von Fr. 1’500.-- ausbezahlt wird. Dieser Beitrag wird nur für Hanfsorten ausbezahlt, die im offiziellen Sortenkatalog für Öl- und Faserpflanzen im Anhang 4 zur Verordnung des BLW über den Sortenkatalog für Getreide, Kartoffeln, Futterpflanzen, Öl- und Faserpflanzen sowie Betarüben enthalten sind. Nach Aussagen von Herrn Zürcher der Firma Schweizer Samen in Thun ist es aber auch bei den meisten Sorten, die auf der Sortenliste stehen möglich, dass der THC-Gehalt über den erlaubten 0.3 % liegt. Dies kann einerseits durch spezielle Witterungsverhältnisse (viel Sonneneinstrahlung) verursacht werden. Andererseits können bei der Analyse des THC-Gehalts im Labor beträchtliche Schwankungen auftreten. Weisen Hanfpflanzen von einer Sorte, die im Sortenkatalog enthalten ist, einen über 0.3% liegenden THC-Gehalt auf, wird auch für diese Sorte kein Beitrag für nachwachsende Rohstoffe ausbezahlt.
3. Pflegemassnahmen
Hier muss klar unterschieden werden, ob der Hanf zur Faser, Körner- oder Blütengewinnung angebaut wird.
Fasern: zur Herstellung von Papier, Textilien, Faserverbundstoffen, usw.
Körner: Zur Gewinnung von Öl
Blüten: Zur Gewinnung von ätherischen Ölen (als Geschmacksstoff z. B. in der Getränkeherstellung)
3.1. Sortenwahl
Hanfpopulationen bestehen aus einem mehr oder weniger hohen Anteil an männlichen, weiblichen und einhäusigen Pflanzen. Einhäusig bedeutet, dass auf derselben Pflanze männliche und weibliche Blüten vorhanden sind, zweihäusige Pflanzen haben demnach nur entweder weibliche oder männliche Blüten.
Für die Fasergewinnung sind Sorten erwünscht, die hohe Stengelerträge, Bast- und Fasergehalte aufweisen. Die Faserqualität ist ein weiteres entscheidendes Kriterium für die Nutzung einer bestimmten Sorte.
Zur Gewinnung von Hanfsamen zur Ölproduktion ist neben den hohen Körnererträgen eine niedrige Pflanzenhöhe wichtig. Damit wird der Mähdrusch weniger problematisch. Eine frühe Reifezeit ist im Hinblick auf die vollständige Ausreife und den Vogelfrass unerlässlich. Alle diese Eigenschaften weisen insbesondere einhäusige Sorten auf. Die Qualitätseigenschaften (Fettgehalt und Fettsäurezusammensetzung) der Körner verschiedener Sorten variieren relativ wenig. Der Anteil an der für die Humanmedizin interessanten g-Linolensäure war bei den USO 31, Fasamo, Beniko, Félina 34 und Fédora 19 am höchsten.
Ätherisches Hanföl wird mittels Destillation der Blütenstände mit Wasserdampf gewonnen. Noch mehr als der Ertrag ist die Duftqualität für diese sehr arbeitsintensive Nutzung ausschlaggebend. Bei Geruchstesten konnte gezeigt werden, dass man aus den Sorten Félina 34, Futura 77 und Kompolti ein besonders gut riechendes ätherisches Öl gewinnen kann.
3.2. Saat
Für Faserhanf wird eine Saatmenge von 30 - 60 kg Samen pro Hektare empfohlen. Die Saatdichte beeinflusst den Ertrag. Eine Erhöhung der Saatmenge von 2 auf 30 kg pro Hektare steigerte den Stengelertrag. Im Gegensatz zum Stengelertrag wurden der Körner- und Blütenertrag mit steigender Saatmenge kleiner. In Osteuropa werden für die reine Samengewinnung in der Regel Saatmengen von 2 kg pro Hektare angewandt.
| | Öl (l/ha) |
| bestäubte Pflanzen | 8.3 |
| nicht bestäubte Pflanzen | 18.4 |
Zur Gewinnung von ätherischen Ölen werden nur die weiblichen Blüten verwendet. Nach Meier und Mediavilla (1998) in Factors influencing de yield and the quality of essential hem oil (Canabis sativa L.) haben unbestäubte weibliche Blüten signifikant höheren Gehalt an ätherischen Ölen (vgl. obenstehende Tabelle). Um von diesem Vorteil zu profitieren, werden zur Blütengewinnung nur weibliche Pflanzen verwendet. Um dies zu gewährleisten, werden die Hanfpflanzen vorgängig im Treibhaus angezogen, so dass schlussendlich nur weibliche Pflanzen auf das Feld gepflanzt werden. Die Bestandesdichte von gepflanzten Feldern liegt bei rund 3’500 Stück pro Hektare.
3.3. Pflegemassnahmen
3.3.1. Unkrautbekämpfung
Mit der Saat von 30 - 60 kg Samen pro Hektare wurde ohne jegliche Unkrautbekämpfung der Boden schon rund ein Monat nach der Saat ganz bedeckt. Somit gab es keinen Raum für Unkräuter. Mit tieferen Saatmengen hingegen deckte der Hanf den Boden nie ganz ab. Hier kann sich eine Begleitflora etablieren. Bei geringen Saatdichten oder bei der Pflanzung von Setzlingen kann also eine mechanische Unkrautbekämpfung durchaus notwendig sein.
3.3.2. Düngung
Der Nährstoffbedarf für Hanfsamen sieht folgendermassen aus:
Faserhanf: N=80-120, P2O5=60, K2O=150 (N in zwei Gaben)
Ölhanf: N=40-80, P2O5=60, K2O=150. Zuviel N führt zu Lagerungs- und Ernteproblemen. Düngung mit Gülle ist gut möglich.
Zum Erbringen des ökologischen Leistungsnachweises sind in der Nährstoffbilanz folgende Angaben zu berücksichtigen:
Nettonährstoffbedarf in kg/ha
Faserhanf: N=100, P2O5=60, K2O=120, Mg=0
Ölhanf: N=60, P2O5=60, K2O=120, Mg=0
3.3.3. Krankheiten, Schädlinge
Beim Auflaufen können hohe Schäden durch Schnecken auftreten. In Feldern mit verstärktem Auftreten von Schnecken müssen eventuell Schneckenkörner gestreut werden.
Die Graufäule (Botrytis) kann auftreten; allerdings ist meist keine Bekämpfung notwendig. Bei der Produktion von Blüten zur Herstellung von ätherischen Ölen muss, speziell bei feuchten Witterungsverhältnissen, darauf geachtet werden, dass die Blüten nicht grauen. Um der Gefahr des Befalls der Blüten entgegenzuwirken, können die Blätter entfernt werden, damit eine rasche Abtrocknung der Blüten gewährleistet wird. Ausserdem ist eine rasche Trocknung der Blüten nach der Ernte unabdingbar.
Bei der Körnerproduktion kann Vogelfrass die ganze Ernte zerstören.
3.4. Ernte
Beim Faserhanf erfolgt die Ernte Mitte Blütezeit bis Beginn Körnerbildung, das ist jeweils ungefähr Mitte August der Fall. Sollen die Körner auch genutzt werden, so kommt man nicht darum herum, mit einem Mähdrescher in das Feld zu fahren. Die Ernte erfolgt dann später und wird nachfolgend beschrieben. Sollen nur die Fasern geerntet werden, so kann der Hanf mit einem Balkenmäher geschnitten und anschliessend auf dem Feld getrocknet werden. Zur guten Trocknung muss das Stroh mindestens zweimal gewendet werden. Zum Abführen wird das Hanfstroh in Grossballen gepresst.
Bei der Körnerproduktion erfolgt der Mähdrusch im September. Das Nachtrocknen der Körner ist unumgänglich. Der Körnerertrag liegt bei rund 9 Dezitonnen (dt) Körner pro Hektare, wenn kein Vogelfrass stattfand.
Zur Gewinnung der Blüten müssen die Pflanzen von Hand geerntet werden. Anschliessend müssen die Blätter entfernt werden, wenn dies nicht schon auf dem Feld gemacht wurde. Die Blütenstände müssen getrocknet werden. Je noch Form des (vom Abnehmer verlangten) Erntegutes dauert dieser Arbeitsschritt eine bis zwanzig Stunden pro Kilogramm abgabefertiges Produkt. Einige Abnehmer nehmen die ganzen Blütenstände (Dolden) entgegen, andere wollen nur einzelne Blüten von ungefähr 4-5 Zentimeter Länge.
3.5. Verdienst, Preise
Für Hanffasern war der Preis in der Schweiz nicht klar ausmachbar. Es ist allerdings erwiesen, dass viele Hanfsamenproduzenten das Stroh nach der Ernte verbrennen, da es gar keine Absatzmöglichkeit gibt. Die Fasern wären ein sehr interessantes Produkt. Im badischen Malsch bei Karlsruhe wird Hanfstroh zu Industrie-, Baurohstoffen und Tiereinstreu aufbereitet. Der Markt entwickelte sich stetig. Aus anfänglichen 140 Hektar Vertragsanbau für die Firma Badische Naturfaseraufbereitung (BAFA) wurden im Jahr 2000 geplante 1’000 Hektaren. Im Jahr 1999 betrug der Abnahmepreis für die über 100 Vertragsanbauer aus Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Bayern 135 DM pro Tonne Trockenmasse. Das sind rund 108.-- Schweizer Franken pro Tonne.
Die Körner zur Ölgewinnung werden zu einem Preis von ungefähr Fr. 400.- pro dt Trockensubstanz verkauft.
Die Blüten werden zu ganz unterschiedlichen Preisen gehandelt. Der Verkaufspreis ist in erster Linie abhängig davon, wie das Erntegut hergerichtet werden muss. Können die ganzen Dolden abgeliefert werden, so kann ein Preis von Fr. 70.-- pro Kilogramm gelöst werden. Müssen hingegen die einzelnen Dolden zerstückelt werden und nur die effektiven Blüten werden anschliessend verkauft, so kann das Erntegut einen Preis von bis zu Fr. 800.-- pro kg einbringen. Der zusätzliche Arbeitsaufwand für das Herrichten der Blüten in der zweiten Form beträgt pro Kilogramm schätzungsweise 15 Stunden.
Das Problem in der Bestimmung des Preises für Hanfprodukte liegt darin, dass für Hanfprodukte kein wirklicher Markt existiert. Jeder Hanfproduzent muss entweder selber für den Absatz sorgen oder mit einem Partner einen Abnahmevertrag abschliessen, damit er schlussendlich seine Produktion auch verkaufen kann.
Der Deckungsbeitrag, der mit Hanf erwirtschaftet werden kann, ist in der nachfolgenden Tabelle aufgeführt. Für die Spalten Stroh, Körner und "Körner und Stroh" diente der "FAT-Bericht Nr. 516, Hanfanbau in der Schweiz der Forschungsanstalt für Agrarwirtschaft und Landtechnik in Tänikon (FAT)" als Grundlage. Für die Produktion der Blüten haben wir bei den Kosten auf die Körnerproduktion abgestellt. Zur Schätzung des Arbeitsbedarfs mussten wir auf eine ähnliche Kultur abstellen. Am ehesten kann die Tabakproduktion mit jener der Hanfblütenproduktion verglichen werden. Beide Kulturen werden in einem Treibhaus angezogen und anschliessend auf das Feld verpflanzt. Die Ernte erfolgt beim Hanf in einem Durchgang, muss aber gleich wie beim Tabak von Hand vorgenommen werden. Anschliessend werden beide Produkte getrocknet und für den Verkauf hergerichtet. Das Herrichten der Blüten für den Verkauf (Abtrennen der einzelnen Blüten von der Blütendolde) erfordert einen zusätzlichen Aufwand von schätzungsweise 15 Stunden pro Kilogramm und wird deshalb in den Berechnungen im Anhang separat berücksichtigt. Den Arbeitsaufwand für die Tabakproduktion haben wir dem Deckungsbeitragskatalog Ausgabe 2000 des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), des Service romand de vulgarisation agricole (SRVA) und der Landwirtschaftlichen Beratungszentrale in Lindau (LBL) entnommen.
| Ernteprodukte | | Stroh | Körner | Körner und Stroh | Blüten (Dolden) | Blüten(nur Blüten) |
| Deckungsbeitrag | Fr./ha | 1’128 | 4’835 | 4’204 | 43’891 | 321’890 |
| Arbeitsaufwand | Akh | 23.3 | 17.7 | 25.5 | 1’200 | 7’200 |
| Arbeitsverdienst | Fr. | 48.40 | 273.15 | 164.85 | 36.60 | 44.70 |
Es ist offensichtlich, dass mit der Produktion von Hanfblüten sehr hohe Deckungsbeiträge erreicht werden können. Berücksichtigt man aber auch den hohen Arbeitsbedarf, so wird dieses Resultat wieder relativiert. Auf der Stufe Arbeitsverdienst schneidet die Hanfblütenproduktion dann nicht mehr so gut ab. Sie kann aber dennoch sehr interessant sein, wenn dadurch vorhandene Arbeitskräfte besser ausgenutzt werden können.
Schweizerischer Bauernverband
Treuhand und Schätzungen
M. Goldenberger M. Bürli
stv. Bereichsleiter Sachbearbeiter
| Ernteprodukte | | Stroh | Körner | Körner und Stroh | Blüten (Dolden) | Blüten (nur Blüten) |
| Naturalerträge je ha | | | | | | |
| Körner | dt TS | | 9 | 9 | | |
| Stroh | dt TS | 90 | | 70 | | |
| Blüten | dt MS | | | | 6 | 4 |
| Arbeitszeit je ha ohne Lohnarbeit | HMO | 23.3 | 17.7 | 25.5 | 1’200 | 7’200 |
| Zuteilbare Arbeit | Fr./ha | 2’562 | 1’465 | 2’866 | 809 | 810 |
| Hilfsstoffe | Fr./ha | 962 | 571 | 736 | 571 | 571 |
| Dünger | Fr./ha | 302 | 241 | 241 | 241 | 241 |
| Saatgut | Fr./ha | 660 | 330 | 495 | 330 | 330 |
| Annahme und Trocknungskosten | Fr./ha | | 156 | 156 | | |
| Kosten Maschinen und Zugkräfte | Fr./ha | 1’600 | 738 | 1’974 | 238 | 239 |
| Eigene Maschinen und Zugkräfte | Fr./ha | 335 | 238 | 349 | 238 | 239 |
| Lohnarbeiten | Fr./ha | 1’265 | 500 | 1’625 | | |
| Direktzahlungen | Fr./ha | 2’700 | 2’700 | 2’700 | 2’700 | 2’700 |
| Flächenbeitrag | Fr./ha | 1’200
| 1’200
| 1’200 | 1’200 | 1’200 |
| Beitrag nachwachsende Rohstoffe | Fr./ha | 1’500 | 1’500 | 1’500 | 1’500 | 1’500 |
| Der Beitrag für nachwachsende Rohstoffe wird nur ausbezahlt wenn die gesäte Sorte auf der Sortenliste ist. | ||||||
| Leistungen Verkaufsprodukte | Fr./ha | 990 | 3’600 | 4’370 | 42’000 | 320’000 |
| Körner (Fr. 400.--/dt TS) | Fr./ha | | 3’600 | 3’600 | | |
| Stroh (Fr. 11.--/dt TS) | Fr./ha | 990 | | 770 | | |
| Blüten (fr. 7’000 - 80’000.--/dt TS) | Fr./ha | | | | 42’000 | 320’000 |
| Deckungsbeitrag | Fr./ha | 1’128 | 4’835 | 4’204 | 43’891
| 321’890 |
| Arbeitsverdienst | Fr. | 48.41 | 273.16 | 164.86 | 36.58 | 44.71
|
Bemerkungen
Für Ablieferung der ganzen Dolden ist der Arbeitsaufwand ähnlich wie bei Tabak. Bei der Ablieferung nur der Blüten entsteht ein Mehraufwand von ungefähr 15 Stunden pro kg nur für das Herrichten der Blüten. Bei einem Ertrag von 4 dt (400 kg) /ha ergibt dies ein Mehraufwand von 6’000 Akh. Dies ergibt ein Total von 7’200 Akh.