Mit wissenschaftlich dünnen Beweisen, die auf fragwürdigen Untersuchungen beruhen, soll ab 1. März 2005 in der Schweiz die Hanf-Verfütterung an Kühe untersagt werden. Minimale Spuren von delta-9-THC in der Milch und missverstandene Werbung haben das BAG aufgeschreckt und zu einem überstürzten Verbot von Hanf als Futter für Kühe geführt. Sobald das Unwort delta-9-THC ins Spiel kommt, denke man an das "Kiffen", so lautet der Tenor offizieller Stellen. Im nachfolgenden Artikel ein objektives Resümee der NZZ am Sonntag.

Artikel aus NZZ am Sonntag v. 13.2.05

Wundermittel oder Teufelszeug? Hanf darf nicht mehr verfüttert werden. Hanf als Futtermittel hat eine positive Wirkung auf Kühe. Das sagen Bauern, die das Kraut anbauen. Der Bund verbietet nun aber die Hanf-Fütterung aus Angst, Kinder könnten sich beim Milchtrinken berauschen.
Letztes Jahr hat er damit angefangen. Auf einer halben seiner achtzehn Hektaren Land hat Stefan Selinger, Bauer im zürcherischen Turbenthal, Hanf angebaut. Futterhanf, versteht sich. Billig, ökologisch und gar nicht geeignet für die Erzeugung von Rauschzuständen irgendwelcher Art. Und jetzt das. Das Kraut wird verboten als Futtermittel, am 26. Januar hat der Bundesrat dies beschlossen auf Vorschlag von Experten aus der Verwaltung: am 1. März tritt die Verfügung in Kraft. "Ein Verhältnisblödsinn!", sagt Selinger. Er habe nur gute Erfahrungen gemacht: Die Kühe hätten gesündere Euter, in der Milch seien die Fett- und Eiweisswerte gestiegen, die Fruchtbarkeit sei besser als früher. "Ja, ich durfte erfahren, was für eine Wunderpflanze der Hanf ist".
Ende, aus. In Artikel 23a der revidierten Futtermittel-Verordnung steht es unmissverständlich: "Das Departement kann die Stoffe festlegen, deren Verwendung als Futtermittel verboten ist". Und dies tut es auch, in der dazugehörenden Futtermittel-Verordnung, im Anhang 4 unter Buchstabe m. Verboten sind: "Hanf oder Produkte davon in jeder Form und Art". Bisher waren Anbau und Verfütterung von Hanf erlaubt, sofern er auf einer vom Bund geführten Liste fungierte, das heisst, wenn er einen sehr geringen Gehalt der psychoaktiven Substanz THC aufwies. Eine wachsende Zahl von Schweizer Bauern machte sich dies zunutze, baute Cannabis sativa für Futterzwecke an. Von diesen rund hundert Bauern stehen heute sechzig bei der Firma Sanasativa unter Vertrag. Diese stellt aus Hanf Kosmetika und Futtermittel her. Geschäftsführer ist Jean-Pierre Egger, ein 56-jähriger, sehr betriebsamer Anwalt, eine Art Wilhelm Tell des Schweizer Hanfs. Die "aggressive Werbung" von Sanasativa war denn auch der Grund, warum die Behörden letztes Jahr in Sachen Hanffutter tätig wurden, wie das Bundesamt für Gesundheit bestätigt.

Seit Papa Hanf verfüttert
Aufgeschreckt wurde das Bundesamt durch ein Inserat, das am 3. Februar 2004 in der Westschweizer Lokalzeitung "La Broye" erschienen und vom Freiburger Kantonsapotheker wegen "Irreführung der Konsumenten" angeprangert worden war: Es zeigt einen Buben mit einer Milchflasche in der Hand. "Seit Papa den Kühen Hanf verfüttert", steht darüber, "schmeckt meine Milch noch besser".
Zusammen mit der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Nutztiere und Milchwirtschaft in Posieux wollte das Bundesamt in der Folge die Grundlagen schaffen für ein Verbot jeglicher Hanf-Verfütterung. Und so forschten die Beamten in der Fachliteratur und fanden eine 15 Jahre alte Studie, in der ein Schüler und ein Student im Norden Pakistans "den passiven Konsum von Marihuana durch Milch" untersucht hatten. Die Jungforscher analysierten die Milch von zehn Büffeln, die wilden Hanf gefressen hatten. In fünf Proben fanden sie Spuren eines Stoffwechselproduktes von THC - eines Stoffwechselproduktes allerdings, das überhaupt keine halluzinogene Wirkung hat. Als zweite Grundlage für das Verbot diente den Behörden ein Experiment, das die Forschungsanstalt in Posieux 1998 selber durchgeführt hatte. Einer Kuh waren Pillen mit reinem THC verabreicht worden, 625 Milligramm insgesamt. "Wir fanden danach 0.03 Milligramm THC pro Liter Milch", sagt Daniel Guidon, Leiter des Bereichs Sicherheit und Qualität in Posieux. "Das reicht, um dem Bundesrat ein Verbot vorzuschlagen". Milch, sagt er, habe den Ruf, ein qualitativ hochstehendes Lebensmittel zu sein. THC habe darin nichts zu suchen, auch nicht in Spuren.
In Spuren ist Milch allerdings immer verunreinigt, mit Pestiziden etwa oder Blei (das Lebensmittelrecht legt die Grenzwerte fest) - warum sollte sie nun ganz und gar und hundertprozentig frei von THC sein? "Es geht um die Wahrnehmung der Leute", sagt Guidon. "THC wird in Zusammenhang gebracht mit Kiffen". Es gehe auch darum, ein gesundheitliches Restrisiko auszuschliessen: Würde ein Kleinkind Milch einer mit Hanf gefütterten Kuh trinken, drei bis vier Deziliter, so könnte das nach seinen Berechnungen für eine halluzinogene Wirkung reichen.
Sicher ist sicher, also. Nun gibt es auch Fachleute, die die wissenschaftlichen Grundlagen für das Hanf-Verbot etwas dünn finden. Barbara Früh, Futtermittelbeauftragte von Biosuisse, meint, für ein solches Totalverbot brauchte es mindesten einen Fütterungsversuch mit richtigen Hanfpflanzen.

Kuh ohne Doktortitel
Und dem Leiter des Instituts für Tierernährung an der Tierärztlichen Hochschule in Hannover, Josef Kamphues, erscheint das Pillen-Kuh-Experiment "wunderlich". "THC ist in der Pflanze kaum vorhanden. Man muss sie erst erhitzen, bis der verfügbare Gehalt an THC entsteht". Kamphues, der seit zwanzig Jahren bei Papageien mit Hanf experimentiert, hat bei den Tieren nie "irgendwelche Rauschzustände" beobachtet. Der heimische Hanf sei im letzten Jahrhundert immer verfüttert worden, sagt er, an Pferde, an Rinder; dem Kraut werde vieles nachgesagt - eine beruhigende Wirkung zu haben, den Geschlechtstrieb zu stimulieren, "auch in ernsthaften Büchern".
So wird Sanasativa-Chef Jean-Pierre Egger das Gericht anrufen. Für ein Verbot brauche es gute Gründe, sagt er, ansonsten gelte die Handels- und Gewerbefreiheit. Und Bauer Selinger? Der wird wieder Hanf säen. "Mein Kühe", sagt er, "brauchen keinen Doktortitel, um zu wissen, was für sie gut ist".

Matthias Ninck